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Viel zu lange…

Lesezeit: 6 min
Ionovia

…habe ich es wieder vor mir hergeschoben, mich wirklich um mich selbst zu kümmern. Mir die Zeit zu nehmen, in mich hinein zu hören, den Mut zu haben, mir einzugestehen, dass es mir eigentlich nicht wirklich gut geht. Viel zu lange habe ich wieder die Starke gemimt, die alles kann, die alles schafft, die alles kompensiert, was an Negativem um sie herum passiert. Doch am Donnerstag war es dann vorbei mit Starksein. Um es mit den Worten der "Fantastischen Vier" aus dem Song "Sie ist weg" zu sagen: "Heute ist wieder einer der verdammten Tage die ich kaum ertrage und mich ständig selber frage
warum mich all diese Gefühle plagen"…

Und so blieb und bleibt mir nichts anderes mehr, als mich hinzusetzen und herauszufinden, seit wann die Spirale sich wieder abwärts dreht. Denn es war wieder viel los in den letzten Monaten. Zu Beginn des Jahres hatte ich eine sogenannte "aktivierte Osteochondrose" im Bereich der LWS, was dazu führte, dass ich über ca. 4 Monate eine hohe Schmerzmitteldosis nehmen musste. Währenddessen bekam ich auf einmal Schmerzen in der linken Schulter, die sich allerdings durch die schon vorhanden Schmerzmittel nicht dämpfen ließen. Da ich eh schon Physiotherapie hatte wegen des Rückens, ließ ich den Therapeuten auch mal nach der Schulter schauen. Da der Orthopäde mich zum MRT geschickt hatte, dort als Diagnose eine Sehnenansatzentzündung rauskam, behandelte der Physiotherapeut dann auch noch die Schulter mit. Doch besser wurde es nicht. Mittlerweile war es Juli geworden und ich wusste immer noch nicht, was denn nun mit der Schulter los ist. Ich habe mir dann einen zweiten Orthopäden gesucht, der dann auch nach einem kläglichen Versuch, den Arm zu bewegen sagte, dass es sich wohl um eine "Frozen shoulder" handelt. Auf diese Diagnose war der Physiotherapeut auch schon gekommen. Der Orthopäde schickte mich dann mit einer Überweisung in die Chirurgie nach Dortmund. Der dortige Spezialist riet mir aber dringend von einer OP ab, da eine solche zum jetzigen Zeitpunkt kontraproduktiv sei. Erst wenn die Entzündung in der Schulter abgeklungen ist und sich die Bewegungseinschränkung nicht komplett zurück bildet, dann kann über eine OP nachgedacht werden.

Doch der Orthopäde ist damit nicht so wirklich einverstanden und jetzt muss im November nochmal zu einem anderen Arzt. Allerdings raten mir auch beide Physiotherapeuten von einer OP ab. So dass ich also auf keinen Fall eine OP machen lassen werde. Doch die Bewegungseinschränkung ist schon erheblich, so dass ich im Alltag sehr eingeschränkt bin. Auch sind die Schmerzen nicht immer vollständig unter Kontrolle zu bekommen. Doch vor allem die Tatsache, dass ich deswegen nicht mehr nähen kann macht mir mehr zu schaffen, als ich am Anfang zugeben wollte. Denn das Kreativ sein, das fehlt mir doch sehr als Ausgleich. Das ist mir am letzten Wochenende besonders bewusst geworden, als ich mit unserem Jüngsten gemeinsam seinen "Lego Technic Allrad Xtreme Geländewagen" zusammengebaut habe ( … boah, das MUSSTE ich so schreiben, sonst ist mein Mann nicht glücklich ). Das hat so viel Freude gemacht, etwas entstehen zu sehen und mit den Händen etwas zu schaffen, ohne dass ich meinen Arm zu sehr belasten musste.

Aber es sind nicht nur die körperlichen Einschränkungen, die mich belasten. Im Juli ist meine langjährige Betreuerin beim PST in die Geschäftsführung gewechselt, so dass sie keine Klienten mehr hat. So sehr ich mich für sie gefreut habe, so groß war doch die Veränderung, die es mit sich gebracht hat. Ich musste mich auf einen neuen Betreuer einstellen, zu dem ich erstmal nicht wirklich einen Zugang gefunden habe. Aber ich hatte ja zum Glück noch meinen zweiten langjährigen Betreuer. Doch dann kam Anfang Oktober die nächste Hiobsbotschaft, denn sein Vertrag wurde nicht verlängert. Das heißt, Ende November fällt auch er als Bezugsperson weg und es kommt wieder jemand Neues, auf den ich mich erst wieder einstellen muss. Auch wenn ich mich lange gesträubt habe, aber das hat mir tatsächlich den Boden unter den Füßen weg gezogen. Zwei Bezugspersonen innerhalb von ein paar Monaten zu verlieren, das ist hart. Noch dazu ist die Kostenübernahmebewilligung noch nicht da, so dass meine 4 Stunden/Woche erstmal auf 2 Stunden reduziert wurden. Was wiederum zur Folge hatte, dass ich vieles an Einkäufen zu Fuß erledigen musste, damit in den zwei Stunden mit dem Betreuer dann die schweren Einkäufe erledigt werden konnten. Wirklich Zeit zum Reden blieb kaum noch.

Und alles zusammen genommen hat sich nun auf einmal entladen. Zum Glück hatte ich am Donnerstag einen Termin mit meinem neuen Betreuer. Und ich habe auch den Mut gehabt, mit ihm zu reden. Es hat gut getan, er hat sich die Zeit genommen, hat vorsichtig aber bestimmt nachgefragt, was denn los ist. Ich hatte das erst Mal das Gefühl, dass ich mich ihm anvertrauen kann und das war soooo wichtig. Auch konnte ich klären, dass ich auf jeden Fall meine 4 Stunden in der Woche bekomme, da ich sonst nicht mehr klar komme. Mir wurde auch gesagt, ich solle im Notfall sogar auf 6 Stunden gehen, bevor ich komplett in eine Krise rutsche. Darüber bin ich sehr froh, denn in den letzten Wochen, eigentlich Monaten, habe ich mich ziemlich allein gelassen gefühlt, auch wenn ich es jetzt erst zugeben kann.

Ich habe auch wieder angefangen zu stricken, also weiter zu stricken an den Socken, die schon seit knapp einem Jahr unfertig in der Kiste liegen. Denn das kann ich machen, ohne dass ich meine Schulter belasten muss wie beim Nähen. Denn da brauche ich den linken Arm dauernd und das klappt zur Zeit leider nicht. Heute habe ich mir dann auch seit einer gefühlten Ewigkeit wieder neue Sockenwolle und Wolle für Topflappen bestellt. Denn, da brauchen wir auch dringend neue. Und häkeln geht auch ohne Belastung für den linken Arm.

Aber ich darf nicht vergessen, dass ich trotz der Belastungen der letzten Monate mich nicht völlig aufgegeben habe.

Ionovia

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7 Kommentare

  1. Mein geliebter Engel! Ich bin so stolz auf dich, dass du es dir nun eingestehen kannst, wie sehr dich all diese Umstände belasten und wie sehr dir das Kreative fehlt. Danke dir, dass du dich mir auch anvertraust hast und ich so für dich da sein konnte. Ich bin so froh, dass die Probleme mit der Betreuung nun ausgesprochen und auch angegangen worden sind. Bitte, bitte – nutze die zusätzlichen Stunden, die möglich sind. Sie stehen dir zu und du brauchst sie!

    Ich liebe dich von Herzen und wünsche mir, dass du wieder etwas mehr zur Ruhe kommen kannst.

  2. Danke mein Liebling, dass du immer für mich da bist. Und entschuldige, dass ich dich nicht erwähnt habe. Denn natürlich bist du für mich immer der erste Ansprechpartner. Ich liebe dich

  3. Uff, das klingt so anstrengend und kräftezehrend.
    Gut, dass du jetzt für dich sorgst und dir die Hilfe holst, die du benötigst.
    Schicke mal ein Kraftpäckchen rüber und wünsche dir, dass es bald etwas ruhiger wird wieder.
    Alles Liebe

  4. Liebe Ionovia!
    Das war sehr interessant für mich mal etwas von Dir (Inneres) zu hören :). Und ich fühle mit Dir, denn ich hatte vor vielen Jahren (ca 8) auch schon mal eine "Frozen shoulder", das war sehr übel und ich kann es Dir sehr gut nachempfinden, obwohl es schon so lange her ist. Ich konnte damals nicht einmal eine Wäscheklammer aufmachen beim aufhängen. Aber mich wundert, dass Du trotzdem Socken stricken kannst damit, bei mir ging das damals gar nicht mehr. (meine angefangenen Socken liegen auch schon 2 Jahre im Korb und warten auf Wachstum 😉 )
    Sei mir nicht böse, aber ich finde das wunderbar, dass Ihr beide Betreuer habt – ich habe keinen Einzigen – muss alles alleine können. (Ich bezwinge trotzdem meinen Neid !) Ich wollte Dir noch sagen, dass bei mir damals mit meiner 'eingefrorenen Schulter' auch der Orthopäde unbedingt operieren wollte (die operieren einfach gern, können sie mehr abrechnen) und es hat sich nach Monaten dann doch von allein wieder langsam gegeben – hab alles links gemacht.
    Liebe Grüße
    Melinas

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