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Rückblick und Ausblick

Lesezeit: 7 min
Ionovia

Ok, ich erstelle heute mal eine Rückblick auf das vergangene Jahr und wage einen vorsichtigen Ausblick auf das neue Jahr. Hm – und wo fange ich jetzt an?

Ich glaube nach dem Klinikaufenthalt im Sommer – das ist ein guter Zeitpunkt. Naja, da war das Jahr aber auch schon zur Hälfte um und vorher ist ja auch ne Menge passiert.

Aber irgendwie ist das alles schon so weit weg, was vor der Klinik war. Denn, da habe ich mir das Leben schon noch sehr schwer gemacht.

Ok, ich schaffe das jetzt auch immer wieder noch, mir das Leben schwerer zu machen, als es eigentlich nötig ist. Doch es wird weniger – und das ist ein großer Schritt in die richtige Richtung wie ich finde.

Ich bin froh, dass meine ambulante Therapie weiter läuft und das auch im nächsten Jahr. Denn, auch wenn es nicht unbedingt jedesmal was zu "ackern" gibt, so tut es dennoch mehr als nur gut, alle zwei Wochen die Zeit und Gelegenheit zu haben, Resumé zu ziehen und zu schauen, was ist gut und was ist nicht so gut gelaufen. So bekomme ich immer wieder die Möglichkeit, zu überprüfen, ob ich das, was ich mir vorgenommen habe, auch umsetzen konnte.

Und ich habe im Laufe der letzten Monate gemerkt, dass es mir immer besser gelingt, auf mich zu achten, mir Zeit und Raum für mich zu nehmen, mich nicht mehr wegen jeder Kleinigkeit unter Druck zu setzen ( nur noch wegen jeder zweiten ^^ ) und – darauf bin ich besonders stolz – es nicht mehr nötig ist, dass ich mir ein "Außengerüst" schaffe. Was ich damit meine? Nun, noch vor und während des Klinikaufenthaltes war es für mich von unglaublicher Wichtigkeit, dass alles seinen Platz hatte. Und wenn es nur die Aufbewahrungsdosen im Kühlschrank waren oder die berühmte "Tupperschublade" im Küchenschrank. Ich habe so penetrant Wert darauf gelegt, dass nur ja die Wurst und der Käse in Dosen verpackt wurden, dass diese Dosen auch nur ja immer am selben Platz stehen und nur ja immer die Spülmaschine zu dem Zeitpunkt  von unseren Jungs erledigt wurde, wann ICH es für nötig und richtig ist.

Mittlerweile schaffe ich es, die nicht erledigte Spülmaschine sogar mal zwei Tage zu ignorieren und das gestapelte Geschirr auf dem Schrank anzusehen und mir zu sagen: Ok, dann koch ich halt nicht, denn ich habe weder Platz noch Geschirr zum kochen. Noch vor einem halben Jahr wäre das unmöglich gewesen.

Gut – ok – ich erwische mich immer wieder dabei, dass ich die Jungs am liebsten vierteilen möchte, wenn sie die Arbeit nicht erledigen – aber meistens schaffe ich es ruhig zu bleiben und es beim "zum vierten Male freundlich darauf hinweisen" zu belassen.

Auch geht für mich nicht mehr die Welt unter, wenn ich es mal nicht schaffe zu kochen und das auch zwei Tage nacheinander.

Der ein oder andere denkt sich nun vielleicht: naja, das ist ja nicht viel, was du erreicht hast.

Für mich ist das viel, denn das sind Verhaltensweisen, die sich nicht nur in diesen vermeintlichen Kleinigkeiten widerspiegeln, sondern die auf alle Bereich meines Lebens Auswirkungen haben.

Es fällt mir immer noch sehr schwer meine körperlichen und emotionalen Grenzen zu akzeptieren und dann auch entsprechend zu handeln. Ich hatte schon den ein oder anderen Tag, an dem ich über meine Grenzen gegangen bin, an dem ich es nicht geschafft habe zu sagen: Nein ich kann nicht mehr.

Doch je öfter ich es verpasse, meine Grenzen zu akzeptieren und einzuhalten, um so schneller bin ich am Ende meiner Kräfte. Und das zieht sich dann wie Kaugummi durch die Tage und auch Wochen hin. Und das macht keinen Sinn.

Nun kam in den letzten Monaten dazu, dass ich dauernd das Gefühl hatte krank zu werden aber es tat sich nichts. Mal hatte ich einen Tag Halsschmerzen, dann schniefte ich mal ein oder zwei Tage. Aber es war nix halbes und nix ganzes. Bis auf die letzten 10 Tage – da hat es mich so richtig erwischt. Und ich habe immer noch zu tun mit Schnupfen und Husten. Es war wirklich alles dicht – Nase, Nebenhöhlen, Bronchien – ich habe mich tatsächlich mal drei Tage ins Bett gelegt um auszuruhen. Das will bei mir definitiv was heißen.

Es standen in den letzten Monaten auch die ein oder andere Entscheidung an. Zum Beispiel haben wir dafür gesorgt, dass auch unser Kleinster nun sein eigenes Reich hat. Das bedeutet, dass mein Mann und ich nun unser Nachtlager im Wohnzimmer haben und jeden Abend zwei Matratzen auf die zum Bett umfunktionierte Couch legen und morgens wieder wegräumen. Aber, dieser Umbau hat uns finanziell an den absoluten Rand des Möglichen gebracht, denn es mussten ja auch einige Anschaffungen getätigt werden, um diesen Plan in die Tat umzusetzen. Hinzu kommt, dass alle drei Jungs wieder dringend was zum Anziehen benötigten und es nicht mit Second Hand Klamotten getan ist. Also wurde der finanzielle Rahmen noch weiter ausgedehnt, obwohl schon nichts mehr an Reserven da ist – im Gegenteil.

Also, muss eine weitere Entscheidung getroffen werden – Kosten einsparen. Und die einzige Möglichkeit, noch Kosten zu reduzieren ist, dass wir nun endgültig das Auto verkaufen. Denn, dies spart nicht nur jeden Monat einiges an Geld ein, sondern hilft auch, wieder Richtung "Null" auf dem Konto zu kommen. Es reicht zwar noch nicht, aber durch die monatlichen Einsparungen werden wir es hoffentlich schaffen im Laufe des nächsten Jahres wieder schwarze Zahlen zu schreiben.

So, jetzt ist es ausgesprochen – und damit kann auch ich die Entscheidung verinnerlichen ohne das Gefühl des Versagens aufkommen zu lassen.

Wir haben ja zum Glück die Unterstützung durch den psT, so dass der Großeinkauf mit meiner Betreuerin stattfinden kann und Termine, die nötig und wichtig sind, entweder mit dem Bus oder mit Unterstützung des psT erledigt werden können.

So, damit wäre das Jahr 2015 abgehändelt.

Wie geht es 2016 weiter?

Wahrscheinlich genauso, wie das Jahr 2015 aufgehört hat: mit dem ganz normalen Wahnsinn, den eine Familie mit 3 Kindern und zwei Erwachsenen, die psychisch angeknackst sind, mit sich bringt.

Also wird der Gesprächsstoff nicht ausgehen.

Und ich werde auch weiterhin diesen Weg nutzen, um meine Gedanken in Worte zu fassen und damit eine gewisse Verarbeitung des Erlebten möglich machen.

Danke an alle, die sich immer wieder die Zeit nehmen, diese chaotischen Zeilen zu lesen.

Danke an alle, die uns als Familie zur Seite stehen, uns unterstützen wo immer möglich und immer da sind, wenn wir jemanden zum Reden brauchen.

Ionovia

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1 Kommentar

  1. Ich bin ebenfalls sehr stolz auf dich, welche Schritte du in diesem Jahr alle geleistet hast. Du hast einen langen Weg in Angriff genommen. Ja, erst etwas zögerlich nun aber mit immer mehr Konsequenz. Und ich finde das mehr als nur gut, dass vieles an Druck, den du dir und anderen gemacht hast, mittlerweile der Vergangenheit angehört.

    Gemeinsam werden wir die Herausforderungen, die das Jahr 2016 uns anbieten wird, meistern. Da bin ich sehr zuversichtlich!

    Ey.. ich bin nicht angeknackst… also.. die anderen ja.. aber ich? Ich bin doch völlig… normal 😀 ;P

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