ionovia alltagswahnsinn

Neustart…

Lesezeit: 7 min
Ionovia

… ja so würde ich es bezeichnen.

Im Dezember, genauer gesagt am 06.12.2017 bin in nach Bad Wildungen zur Reha gefahren. Meine körperliche Erschöpfung war auf ein Maß angewachsen, dass ich es nicht mehr händeln konnte.

So dachte ich zumindest. Allerdings wurde ich dann in der Reha eines besseren belehrt, aber dazu gleich mehr.

Da ja wieder mal eine Ewigkeit seit meinem letzten Post vergangen ist, versuche ich ein wenig Revue passieren zu lassen, was so los war. Mit Sicherheit wird einiges fehlen , aber das ist nicht so schlimm.

Bis einschließlich Frühjahr 2017 hatte ich den Eindruck, dass es eigentlich recht gut lief. Die beiden großen Jungs machten ihre Sache soweit gut, unser kleiner Mann machte uns viel Freude und auch zwischen meinem Liebling und mir lief alles wie gewohnt gut.

Die Vorfreude auf die Einschulung unseres Jüngsten wuchs, ich habe so Stück für Stück die Geschenke gekauft, damit nicht alles auf einmal fällig wurde.

Dann kam ein Tiefschlag, Anfang Juni. Wir hatten mit einem unserer Großen ein ziemlich heftiges Zerwürfnis, was dazu führte, dass er seine Koffer packen musste und erstmal zu einem Kumpel gezogen ist. Ich werde nicht näher darauf eingehen, denn mittlerweile ist das Verhältnis wieder gut. Doch es hat dazu geführt, dass eine Menge Kraft flöten ging. Und die wieder aufzuholen, das hatte ich mir eigentlich vorgenommen. Hat aber nicht wirklich geklappt. Da ich auch im Mai 2017 meine ambulante Therapie beendet hatte, war da auch erstmal Leerlauf.

Lange Rede kurzer Sinn – es kam, wie es kommen musste. Die Spirale, die sich unaufhörlich nach unten dreht setzte wieder ein.

Was bedeutet das?

Nun, um es in einfachen Worten zu sagen, ich sperre alles an Emotionen weg und "funktioniere" nur noch rational, völlig emotionslos. Und das nicht nur mir gegenüber, sondern auch gegenüber meiner Umwelt.

Ich bin ein Meister darin, allen glauben zu machen, dass es mir gut geht, dass ich "nur" ein wenig erschöpft bin und einfach nur ein wenig Ruhe brauche. Und, man sieht es mir auch nicht an, meine ich zumindest, dass ich meine Emotionen wegsperre.

Klar, mein Liebling merkt es und ich bin mir sicher, dass es auch noch der ein oder andere, der mich gut kennt, merkt, aber ich rede mir halt ein, dass es nicht so ist.

Nun gut, ich war schon froh, als es dann endlich so weit war und ich zur Reha fahren konnte. Ich freute mich darauf, ein wenig raus zu kommen, mal Verantwortung abgeben zu können und so ein wenig Kraft zu tanken. So zumindest mein Plan für die Reha.

Die ersten gut zweieinhalb Wochen habe ich das auch geschafft, durchzuziehen. Auch wenn in der Gruppentherapie mal das ein oder andere Thema dran kam, das eigentlich auch für mich war, habe ich es rational bearbeitet und nicht an mich rankommen lassen.

Doch dann kam die Einzelsitzung, die alles veränderte!

Ich erzählte meiner Therapeutin, dass ich eben ein Meister darin bin, Gefühle und Emotionen wegzusperren, wenn ich in die Situation der Überforderung komme. Und zwar in die Überforderung nicht nur körperlich sondern vor allem emotional.

Und da sagte sie zu mir: "Nun, das Wegsperren der Emotionen und Gefühle ist auch eine Form der Dissoziation!"

Bumm – das saß. Da mir das Thema Dissoziation ja nicht unbekannt ist, wurde mir schlagartig bewusst, dass da bei mir noch was im Argen liegt, was ich bis zu diesem Zeitpunkt "erfolgreich" verdrängt hatte.

Und, als wäre eine Tür aufgesperrt worden, habe ich ihr erzählt, was ich bis dahin NOCH NIE jemandem erzählt habe, noch nicht mal meinem Liebling. Ihm gegenüber habe ich zwar mal die ein oder andere Andeutung gemacht, doch sobald er nachfragen wollte, hab ich dicht gemacht.

Mittlerweile ist es 14 Jahre her, dass ich mich aus meiner ersten Ehe befreit habe, da ich dort massiv emotional und psychisch unter Druck gesetzt wurde. Und das nicht auf allgemeiner Ebene, sondern auch auf der Ebene der Intimsphäre. Ich wurde immer wieder emotional erpresst, unter Druck gesetzt zum Einen Dinge zu tun, die ich nicht wollte und zum Anderen auch dann intim zu werden, wenn ich nicht wollte oder konnte. Wenn ich es dann doch mal geschafft habe, Nein zu sagen, dann wurde ich mit tagelangem Schweigen und Ignoranz "bestraft". Erst wenn ich wieder "zur Verfügung" stand, bekam ich Anerkennung und das, was ich damals als Liebe verstand.

Die Tatsache als solche war mir zwar schon bewusst, aber ich habe es nie als das angesehen, was es ist, nämlich GEWALT.

Doch genau als das hat es meine Therapeutin benannt – und ich habe das erste Mal nach 14 Jahren wieder diesen Schmerz gefühlt, den ich jahrelang ertragen habe. Es hat mir fast den Boden unter den Füßen weggezogen, als ich mir dessen wirklich bewusst wurde und es auch zugelassen habe, dass der Schmerz hochkommt.

Und dann dämmerte es mir – das Wegsperren der Emotionen als Form der Dissoziation – wo habe ich das "gelernt" und erfolgreich angewandt?

Ja, es war ein Schutzmechanismus, der nötig war, um irgendwie klar zu kommen. Doch er hat dann Ausmaße angenommen, die nicht mehr gut waren.

Als mir das bewusst wurde, welche enormen Auswirkungen diese Erlebnisse noch heute auf mich und mein Leben haben – diesen Moment kann ich nicht beschreiben. Es war, als würde ein Dominostein nach dem anderen angestoßen und fallen, so groß war auf einmal das Verständnis, was ich dazu gewonnen hatte.

Ich habe dann auch den Mut aufgebracht, mit meinem Liebling über alles per whatsapp zu schreiben, was an diesem Tag in der Therapie passiert war. Und er hat mir so viel Verständnis, so viel Liebe entgegengebracht und mir so viel Mut gemacht, dass es mir immer leichter fiel, ihm von allem zu erzählen, was mir passiert ist. Er hat mir in den letzten fast 9 Jahren, die wir nun verheiratet sind, nie Druck gemacht, er hat mich mit so viel Rücksicht behandelt, dass ich meinen Dank dafür nicht in Worte fassen kann.

Er hat mir geholfen, durch seine liebevolle Art, allein durch das Schreiben, dass aus dem "Ekelthema" etwas geworden ist, was für mich an Schrecken komplett verloren hat. Er hat es geschafft, daraus etwas zu machen, was weder peinlich noch unangenehm ist.

Mit seiner Hilfe, durch seine Liebe habe ich es geschafft, Gefühle zuzulassen. Ich habe es geschafft, mir selbst zu erlauben, das Bedürfnis nach Nähe zu haben, denn ich weiß und habe verstanden, dass mir nichts passiert, ich bin sicher und werde nicht mehr verletzt.

Und, was soll ich sagen – ich wusste nicht, wie tief das Gefühl geliebt zu werden und lieben zu dürfen gehen kann. Mein Herz zerspringt fast vor Emotionen, wenn ich daran denke, wie sehr ich meinen Liebling liebe und wie dankbar ich ihm für alles bin, was er für mich getan hat.

Achja, und was das "Ekelthema" angeht – ich wusste nicht, dass man dabei soviel Spaß haben kann 😀

Ionovia

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