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Zwickmühle

Lesezeit: 6 min
chameleon author

Ich musste in den vergangenen Tagen eine Menge Emotionales verarbeiten. Tatsächlich hat es mich regelrecht 'geplättet' und ich bin extrem belastet. Was ist passiert? Wie ich schon schrieb bin ich vor ein paar Wochen mit unserem Sohn im Schwimmbad gewesen. Da war auch alles in Ordnung. Wir haben getobt, schwimmen geübt und hatten viel Spaß. Doch letzte Woche kippte das ganze dann.

Da gibt es Familien-Umkleidekabinen und Einzel-Umkleidekabinen. Macht ja auch Sinn, schließlich will man ja trotz der Tatsache dass man im Schwimmbad ist, auch eine gewisse Distanz bewahren. Im Schwimmbad gibt es dann aber nur zwei Geschlechter-getrennte Großraum-Duschen. Es gibt keine Einzelkabinen und auch keinen Sichtschutz. Und es gibt die Hausordnung, die das nackt Duschen verlangt. Na toll! Wo ist der Sinn, das Umkleiden total abzuschotten und dann beim Duschen alte Männer und kleine Kinder nackt in eine gemeinsame Dusche zu schicken? Und wenn man zur Toilette will, steht man ebenfalls automatisch in dem Duschraum.

Ich will weder, dass mein Sohn mit irgendwelchen nackten Männern in der Dusche steht, noch dass nackte Kerle an ihm vorbei gehen, wenn er mal auf die Toilette muss. Bei der Menge an sexuellen Übergriffen die geschehen und dem, was mir selbst angetan wurde, setze ich meinen Sohn nicht dieser Gefahr aus! Ja, ich sehe es als Gefahr!

Beim zweiten Besuch im Schwimmbad wurde ich unvorbereitet damit konfrontiert. Kenne ich es aus anderen Schwimmbädern doch so, dass es zumindest einen abgewinkelte Sichtschutz vor jeder Dusche gibt und man nicht Person an Person direkt nebeneinander unter der Dusche steht – so eng, dass jederzeit eine Berührung möglich ist. Und wenn kein Sichtschutz gegeben ist, dann kenne ich es nur so, dass man in Badeklamotten duscht. Damit, dass ich die Tür zur Toilette und Dusche öffne und dort ein Nackter durch die Gegend läuft – frei einsehbar sowohl von der gegenüberliegenden Damendusche als auch vom Zugang zum Schwimmbad, der von jeder Person genutzt wird – damit habe ich nicht gerechnet.

Das war früher so ein heftiger Trigger, dass ich sofort dissoziiert hätte. Jetzt konnte ich es für den Augenblick abfangen und habe dem Bademeister klar gesagt, das und wieso weder ich noch mein Sohn unter die Dusche gehen werden. Er äußerte, dass er das zwar anders sieht, aber mich mit Garantie nicht drängen werde.

Aber dennoch war ein Schaden angerichtet. Es war ein regelrechtes Beben, dass ausgelöst wurde. Es gärte im Innen, es belastete und dementsprechend kostete es mich extrem viel Überwindung, diese Woche wieder ins Schwimmbad zu gehen. Aber ich tat es. Früher wäre das für lange Zeit nicht noch einmal versucht worden… ich spreche da aus Erfahrung…

Das mit dem Duschen habe ich diese Woche dann erst gar nicht mehr in Betracht gezogen. Aber auf die Toilette musste ich dennoch mal…

Es war also schon sehr schwer wieder zum Schwimmen zu gehen. Und von Genuss war erstmal nicht zu reden. Dann gleich das Nächste… Zwei Ältere mit ihren Enkelkindern im Schwimmbad und der Opa striezt den kleinen Enkel sehr. Er lässt ihn Schwimmen – was er offensichtlich noch nicht kann – und lässt ihn drei mal hintereinander richtig untergehen, bevor er sich die Mühe macht, ihn zu halten. Drei mal so sehr, dass der Junge kräftig Wasser schluckt und sich mit einem braunen Schwall ins Wasser übergibt. Der Junge hat die blanke Panik im Gesicht. Der Opa redet auf den Jungen ein, er solle Schwimmen und verteilt mit seinen Händen das Erbrochene im Wasser nur um den Jungen direkt danach wieder los zu lassen und ihn erneut mit dem Wasser kämpfen zu lassen.

Meine Frau und ich bringen unserem Sohn auch das Schwimmen bei. Wir korrigieren ihn, wenn er die Hände so seltsam formt, dass er sich nur schwer über Wasser halten kann. Wir feuern ihn an und bringen ihn so dazu immer noch einen Meter weiter zu schwimmen, als er sich vorher zutraut. Aber wir sind immer so nah an ihm dran, dass wir direkt zugreifen können um zu verhindern, dass er in Panik gerät.

Es war tatsächlich in der gesamten Kombination eine extreme Belastung für mich und ich musste mich wirklich immer wieder fokussieren um nicht weg zu dissen und von den Emotionen überrollt zu werden.


Es war schön, mit meiner Frau und dem Sohnemann zusamen zu sein. Wir hatten gemeinsam auch viel Freude. Aber Entspannung geht definitiv anders. Und heute merke ich das umso mehr, wie sehr es Kraft gekostet hat, diese emotionalen Belastungen abzufangen. Es ist das erste Mal seit der vollständigen Fusion, dass ich solchen Belastungen ausgesetzt bin.

Also stellt sich mir logischerweise auch die Frage, wie ich nächste Woche damit umgehen kann, bzw. es drängt sich auch der Gedanke auf, ob hier – zumindest für ein oder zwei Wochen – eine Vermeidung sinnvoll ist. Ich werde abwarten und achtsam die planbaren Aktivitäten herunter fahren. Denn ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie ich weitere Belastungen dieser (oder auch anderer) Art für den Moment weiter abfangen könnte.

Es ist echt eine Zwickmühle aus Belastung & Nachbeben, die gerade die (gewünschte) Entspannung mit der Familie in die Zange nehmen.

Chamëleon

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6 Kommentare

  1. Hallo Chamëleon,
    die Duschräume in Schwimmbädern empfinde ich auch als furchtbar. Für mich persönlich ist es ein kleiner Sprung über meine Schamgrenze. Geht. Für meine Söhne finde ich es furchtbar. Als sie klein waren, gingen sie oft mit mir zusammen in die Sammelumkleide der Frauen. Einzelkabinen gab es in dem Schwimmbad gar nicht. Nackte erwachsene Frauen zu betrachten, das war für sie seltsam und unangenehm, das merkte ich. Ab einem gewissen Alter geht es zusammen nicht mehr. Wenn sie nun alleine in der Männersammelumkleide und den Duschräumen sind, habe ich auch oft ein mulmiges Gefühl… ich nehme auch die Blicke von älteren Männern, die am oder im Kinderbecken ruhen scharf wahr und frage mich da manches. Mit denen will ich meine Söhne nicht alleine in Duschraum und Umkleide wissen. Ich hoffe immer darauf, dass genug andere Leute da sind, und so soziale Überwachung gegeben ist… aber man weiß ja nie. Echt blöd sowas. Wir sprechen solche Situationen immer durch. Aber da besteht dann ja auch die Zwickmühle, dass man den Kindern auch nicht Ängste einimpfen will….
    Und die Szene mit dem armen Kind, die du beschriebst, … !
    Ich kann das nachempfinden.
    Ob es auch geschütztere Bäder gibt? Bei uns gibt es ein Hotelbecken, wo man auch schwimmen gehen kann. Da ist es besser. Aber das ist eher was für kleinere Kinder, die etwas größeren Kinder brauchen mehr…
    Wünsche dir, dass sich alles legen kann und du verarbeiten kannst. LG, Bettina

    1. In der Vergangenheit war ich in mehreren Schwimmbädern – auch große Spaß-Bäder. Und überall gab es Möglichkeiten zumindest durch um die Ecke gebaute Wände 'geschützt' zu duschen. Früher in der Kindheit und Jugend war das nicht so, das weiß ich und habe dort selbst auch Übergriffe erlebt. Daher ist es für mich absolut unverständlich, dass bei der Menge an Vorfällen (die sogar in er Presse groß besprochen werden), solche Dinge immer noch nicht anders vorgegeben sind.

      Und wenn ich bedenke, dass es sich hier um ein kleines Schwimmbad handelt, ist es eben nicht gegeben, dass der Bademeister regelmäßig an den Duschen schaut oder gar sehr viele Leute in den duschen sind. Aber ein nackter Mann, der völlig schmerzbefreit auch bei geöffneter Dusche zum Flur keine Anstalten macht, sich abzuwenden oder zu bedecken vermittelt mir nur eines: Absolute Gefahr!

      Und es hat nichts mit den Kindern Ängste einimpfen zu tun. Vielmehr damit, die Kinder vor Übergriffen zu schützen und ihnen eine gesunde Wahrnehmung von Gefahren bei zu bringen. Andere Betroffene und ich haben miterlebt, wie es ist, wenn alle wegschauen oder unbedarfte Kinder mit älteren Personen unbeaufsichtigt zusammen sind. Ich bin der Meinung, dass insgesamt viel zu wenig getan wird um Kindern zu helfen solche Gefahrensituationen richtig einzuschätzen.

  2. Tu das, was für DICH am Besten ist. Und wenn ich alleine mit unserem Kurzen schwimmen gehe ist das völlig okay. Denn es macht keinen Sinn, wenn du hier über deine Belastungsgrenze gehst. Wie auch immer du entscheidest, es ist gut.

  3. Hm, ich bin früher als meine Tochter noch so um die 10 aufwärts war – auch oft mit ihr in der gemischten Sauna gewesen, fanden wir kein Problem, nun ja männliche Gaffer gibt es immer…. und solange wir dabei waren….. Ich hatte ein anderes Problem, wenn ich mit den Öffentlichen fuhr sah ich jahrelang potentielle Väter- Opatäter – das war echt triggernd. Ich glaub wir sind ziemlich gute Ausblender (oder Disser) Gefahren blenden wir einfach aus, was sicher auch nicht gut ist.
    Aber dieser grausame Mann mit seinem Enkel – da wäre ich hin und hätte ihn gespiegelt und sehr laut bloßgestellt.
    Auch auf der Straße wenn ich sehe wie Eltern mit ihren Kindern umgehen (sie hinter sich herziehend, beschimpfen oder gar schlagen, die sprech ich immer an und sag dann ungeniert so Dinge wie: Wollen Sie dem Kind den Arm ausreissen – oder Suchen Sie sich doch einen gleichstarken Sparringpartner, oder auch: Sind sie als Kind auch so beschimpft und behandelt worden?
    Das hilft glaub ich schon, wenn man sich einmischt und es benennt.

    1. Wenn jemand in eine gemischte Sauna geht, dann weiß die Person ob mit oder ohne Handtuch vorgegeben ist. Es ist eine bewusste Entscheidung.

      Mir war nicht bewusst, dass nackt vor anderen zu duschen vorgesehen ist. Steht draußen auch nicht dran, sondern die Bilder bezüglich des duschens zeigen angezogene Personen.

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