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Wege zum Ziel

Lesezeit: 15 min
chameleon author

Pollys schrieb in ihrem Blog den Beitrag 'Ein wesentlicher Unterschied' um aufzuzeigen, dass diejenigen, "das, was sie lauthals verkünden und anderen unterstellen […] eigentlich das [ist] , was sie sich selber permanent antun." Zudem führte Sie aus, dass diejenigen "statt ihren Blick auf sich und ihr Innen zu lenken, [..]" Umwege gehen und sie weiß, "dass […] Umwege oft nötig sind". Ich antwortete diesbezüglich mit einem Vergleich, den ich hier auch noch einmal wiederhole.

Diese 'Umwege' sind nötig – warum? Naja, der direkte Weg ist wie mit einer Lawine aus Emotionen und Erfahrungen versperrt und dann gibt es nur drei Möglichkeiten: Entweder davor stehend warten bis der Schnee schmilzt oder sich durchbuddeln und alternativ außen herum gehen… Wenn es denn als 'Umweg' bezeichnet werden 'muss', dann als 'nötigen' Umweg – keinen den man selbst einfach aus dem 'Spaß' heraus wählt. Ich halte ihn daher nicht für einen Umweg, sondern für einen sinnvollen Weg um die Lawine herum zum Ziel. Denn das Durchbuddeln dürfte bei vielen über ihre Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit hinaus gehen.

Daraufhin stellte Pollys viele gute Fragen – allgemein, wie auch auf mich persönlich bezogen – und ich finde, dass diese es verdienen in einem Beitrag behandelt zu werden, anstatt 'nur' als Kommentar im Blog zu landen.

Was sind das denn für Grenzen, die da auftauchen?…. oder woran liegt es denn, dass die eigene Leistungsfähigkeit so gering ist (und so lange gering bleibt)? Kann es nicht sein, dass es daran liegt, dass man nicht mutig genug ist, oder sich nicht zutraut, dass jenseits dieser Grenzen doch die Lösung liegt? Und wenn wir sie endlich überschreiten, es einfach tun, wir dann die Erfahrung machen, dass es geht, und wir unser Leiden hinter uns lassen können? Also nach dem Motto, wenn wir alles so lassen, können wir uns nie befreien? Fehlt also nur der Mut Neues zu wagen, wenn wir an der Grenze Halt machen und bleiben wir so gefangen? Oder ist es das begrenzte Vorstellungsvermögen oder das begrenzte Bewusstsein, das dies verhindert uns zu befreien? Ist es vielleicht die Enge unserer Gedanken, die verhindert dass wir den herausführenden Schritt machen können? Und was sind das für Bedingungen die gebraucht werden um diesen Schritt gehen zu können? Ist es die Erkenntnis, dass es schlimmer nicht werden kann, und die Erfahrung, dass es doch schon schlimm genug ist? Also, heißt das, dass ein gewisses Maß an Leiden erfüllt sein muss, bis wir glauben können, dass es jetzt genug ist und wir dann auch danach handeln können? Wie war das bei Dir? Was hat Dich damals bewogen oder was war der Punkt wo Du die Grenze überschreiten konntest oder war es ein schleichender Prozess, der sich wie von selbst eingestellt hat?

Pollys

Ich versuche im folgenden Pollys Fragen in Blöcke zusammen zufassen um so mehr Übersicht zu bekommen. Denn in ihren vielen Fragen gibt Pollys Teile der Antworten auf die jeweils vorhergehende Frage in Frageform mit. Es dürften aber durchaus aussagen sein.

Was sind das für Grenzen, die da auftauchen?

Dei Frage beantwortet Pollys mit einem Mix an weiteren Fragen, den ich mal etwas provokant in Aussageform umschreibe:

Die eigene Leistungsfähigkeit ist und bleibt auch lange so gering, weil man nicht mutig genug ist die selbst gesetzten Grenzen zu überschreiten. Es liegt daran, dass man sich nicht zutraut, es einfach zu tun und so neue Erfahrungen zu machen. Ursache dafür ist oftmals, dass das eigene Vorstellungsvermögen so begrenzt ist und wir den herausführenden Schritt deshalb nicht machen können.

Die Grenzen sind im ersten Schritt rein emotionaler Natur. So wie jemand, der vor einer riesigen Lawine steht, die ihm den Weg abschneidet. Da gibt es diejenigen die erstmal davon ausgehen, dass sie ja nun nichts machen können und sich einfach damit abfinden, dass der Weg versperrt ist. Es gibt einige wenige, die sich der der neuen Herausforderung stellen und sich mit dem was sie haben auf dem Web um die Lawine herum aufmachen. Ein paar wenige werden auf die Idee kommen sich durch zu graben. Doch die Meisten werden zu keiner dieser Gruppen gehören. Die Meisten werden mit Sorge, Angst oder Verzweiflung reagieren: 'Ich komme nicht nach Hause', 'Ich muss doch wieder Arbeiten' oder 'Hilfe, wer rettet mich?'…

Und wenn wir die Grenzen endlich überschreiten, es einfach tun, und die Erfahrung machen, dass es geht, werden wir unser Leiden hinter uns lassen können?

Es gibt genug Menschen die warten auf den Rettungstrupp (Gesundheitssystem, Ärzte, Seelsorger, Psychotherapeuten, Ersthelfer, Lebensmittellieferanten) und ja, es mag dann auch einige geben, die mit diesem Komplettpaket gerettet werden können. Aber wenn man das Bild der Lawine wieder bemüht: Wenn niemand den Hilferuf hört oder man ihn erstmal gar nicht ausspricht, dann wird auch keine Hilfe kommen. Und wenn ich als 'Eingeschlossener' bei der Kontaktaufnahme durch die Retter zu diesen sage: 'Wie bitte? Ich soll mit Ihnen da außen herum latschen? Geht es Ihnen noch gut? Sorgen sie mal für einen Bagger und räumen das ganze mal weg, damit mein Weg wieder frei ist', dann wird es womöglich auch sehr schwierig werden. Und da nutzt es dann auch nichts, dass diese Fachleute einem sagen, dass kein solches Bergungsgerät zur Verfügung steht bzw. die Lawine so groß war, dass nur die genannten Wege als Option zur Verfügung stehen. Und wenn einem die Retter sagen: 'Sie müssen sich dadurch buddeln', reagieren die Meisten wiederum mit einem: 'Sie sind doch bekloppt! DAS mache ich nicht!'

Alle die sich als Retter anbieten, tun genau das: Sie bieten etwas an. Es anzunehmen und sich auf die Lösungsansätze einzulassen ist Sache des Eingeschlossenen. Niemand gibt ihm eine Garantie, dass es ein Spaziergang wird, er sich dabei keine Blessuren zuzieht oder dass danach alle vergessen ist was hinter der Lawine liegt.

Selbst wenn man diese Grenzen einmal überschreitet, seinen Mut zusammen genommen hat und sich auf den Weg um die Lawine herum gemacht hat – oder sogar mitten hindurch – heißt das nicht, dass man für immer frei ist. Es kann immer eine neue Lawine irgendwo den Weg versperren und dann wird wieder die Frage sein: Sitze ich es aus, gehe ich nochmal außen herum, grabe ich mich wieder durch oder rufe ich panisch nach Hilfe.

Und was sind das für Bedingungen die gebraucht werden um diesen Schritt gehen zu können?

Tatsache ist nun einmal, dass wenige Menschen die Gelassenheit haben und so in sich Ruhen, dass sie eine solche Katastrophe ohne Auswirkungen auf die Psyche wegstecken. Und genau so ist es Tatsache, dass die wenigsten Menschen die Aktivität mit sich bringen, sich solchen Herausforderungen zu stellen ohne Brief und Siegel zu haben, dass das außen herum Gehen oder gar das Durchgraben funktioniert. Wenn sie isch sicher wären, dass sie genug Kraft und Kondition haben und sie so schneller an ihr Ziel kommen, als wenn sie darauf warten, dass der Bergungstrupp kommt, dann würden sie sich auf den Weg machen – aber auch nur eventuell. Denn selbst dann gibt es noch genug Personen, die die Anstrengungen die damit verbunden sind nicht auf sich nehmen wollen.

Es ist also die Kombination von Unsicherheit, einer gewissen Portion Bequemlichkeit und einer negativen Grundhaltung, die da den Unterschied ausmacht.

Und wer nie an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit geht oder sich dahin aufmacht, wird seine wahre Kraft und Ausdauer auch nie entdecken. Somit bleibt die Leistungsfähigkeit und der Leistungswille auch so gering.

Also, heißt das, dass ein gewisses Maß an Leiden erfüllt sein muss, bis wir glauben können, dass es jetzt genug ist und wir dann auch danach handeln können?

Ich würde das nicht unbedingt als 'Leiden' bezeichnen, sondern die dahinter stehende Aussage verwenden, die von ganz vielen Therapeuten bereits getroffen worden ist: "Der Mensch wählt immer das für ihn kleinere Übel." Der Mensch hat pauschal Angst vor Ungewissem und Neuem.

Jeder Betroffene eines (Kindheits)-Traumas ist schon über lange Zeit in dieser Situation gefangen. Er kennt es nicht anders, als dass dort vorne eine Lawine seinen Weg versperrt. Und er hat ja alles was er zum Leben braucht – sein Überleben ist ja augenscheinlich im Moment nicht gefährdet. Er hat Essen, Trinken, ein Dach überm Kopf, hat einen gewissen (ablenkenden) Luxus und kann sich in 'Freiheit' auf dieser Seite der Lawine bewegen. Solange das Leben auf dieser Seite der Lawine so möglich ist, werden die wenigsten Menschen die zusätzlichen Strapazen für ein ungewisses anderes Leben nicht aufgeben. Warum sollten sie auch? Sie kennen es so und es funktioniert ja auch (irgendwie).

Das dem so ist, erkennt man ja nicht nur an Personen mit Traumata. Schaue man sich nur diejenigen an, die seit Jahrzehnten sich beschwerend

  • einer Arbeit nachgehen, die sie hassen
  • in einem Land Leben, in dem das Wetter ihnen nicht zusagt
  • in einer Region Leben, die ihnen von der Landschaft her nicht gefällt
  • in einer Partnerschaft bleiben (oder ein die gleiche wieder zurückkehren) obwohl sie dort geschlagen werden

Und das geänderte Umstände nicht automatisch die eigene Einstellung und Lebensweise ändern zeigen Personen die sich aus absoluter Armut einen gewissen Reichtum erarbeitet haben aber menschlich weiterhin 'in der Gosse' geblieben sind.

Wie viele Menschen gibt es doch, die sich, nachdem sie auf der anderen Seite der Lawine angekommen sind, sich darüber beschweren, dass sie vorher auf der dieser Seite der Lawine fest saßen? Die darüber meckern, dass es so lange dauerte und sie so lange 'Leiden' mussten, anstatt sich darüber zu freuen, dass es nun anders ist? 'Dafür habe ich mich so abgerackert? Wenn ich gewusst hätte, dass der Bergungstrupp in zwei Wochen auch da ist, wäre ich erst gar nicht los gegangen.'

Ich kenne so viele, die argwöhnisch versucht haben, mir das, was ich mir erarbeitet habe schlecht zu reden. Ich versuche mir aber diesen positiven Blick sowohl zurück als auch nach vorne zu bewahren – ja sogar noch weiter auszubauen.

Ich gehe heute immer öfter mit folgenden Gedanken an den Rückblick auf meinen Lebens- und Therapieweg heran: "All das hat mich zu dieser Person gemacht. Was ich alles geschafft habe!" War es schwer? Ja! Aber dadurch traue ich mir heutzutage mehr zu. Es war hilfreich mich ziemlich unwissend trotzdem auf den Weg zu machen. Das was mir passiert ist und wie ich jetzt damit umgehe sorgt dafür, dass ich mich empathisch für andere interessiere, dass ich Ängste überwinden konnte, dass ich neue Wege bereit bin zu entdecken und dass ich dennoch gewisse Risiken dabei nicht außer acht lasse. Ich erkenne meine Grenzen besser, bin bereit sie eine gewisse Zeit bewusst zu überschreiten, selbst wenn ich nicht weiß, ob sich das hinterher 'auszahlt' oder doch eher eine 'Nullnummer' wird. Und selbst wenn dabei nichts raus kommt, reißt mich das nicht herunter, sondern ich sehe es als Erfahrung mit einem bestimmten positiven Effekt.

Wie war das bei Dir? Was hat Dich damals bewogen oder was war der Punkt wo Du die Grenze überschreiten konntest?

Natürlich war auch ich nicht in der Lage sofort nach erkennen der Lawine los zu rennen – so nach dem Thema: 'Da buddle ich mich nun durch'. Absolut nicht! Erstmal war da die Überforderung mit der Situation, ein Zusammenbrechen, viel Weinen. Suizid-Versuch. Wieder aufraffen und versuchen das Leben auf der anderen Seite der Lawine weiter zu führen. 'Das ging doch immer. Das muss doch so weiter funktionieren!' Kurzfristig wieder weiter gemacht, wieder ein Zusammenbruch, Reha, ambulante Therapie. Es wurde nicht besser. Suizid-Gedanken und erneuter Suizid-Versuch. Tagesklinik auf das Anraten des Therapeuten. Danach dachte ich: 'Viel schlimmer als vorher. Ich bin fertig. Ich kann und ich will nicht mehr!' Kommentar des Therapeuten: "Sind Sie nun bereit richtig zu arbeiten?"

Er erklärte kurz was er meinte. Ich hatte mich quasi immer vor die Lawine gestellt, ein wenig drin rum gestochert und festgestellt: "Boah! Das ist Viel! Das will ich nicht!" Nach diesem Tagesklinik-Aufenthalt war es anders. Ich habe folgende Aussage getroffen: "Es gibt nur eine Möglichkeit – Es muss sich alles ändern. Denn sonst stehe ich auf den Gleisen und es wird kein Zurück mehr geben. Und tatsächlich ist nun der Punkt erreicht, wo ich das nicht will, denn ich habe eine wundervolle Frau und tolle Kinder. Das will ich nicht verlieren und ich will ihnen nicht diesen Schmerz zufügen. Es ist mir egal, was ich dafür tun muss. Sagen Sie mir, was ich tun soll."

Ich habe mich also – trotz aller Unwissenheit – weil meine persönliche Grenze erreicht war entschieden zu 100% auf die 'Retter' zu vertrauen und mir selbst 'geschworen' diesen Weg solange mit diesen 'Rettern' zu gehen, bis mir diejenigen sagen, dass ich nun in der Lage bin alleine weiter zu gehen. Die 'Retter' sagten mir es gäbe zwei Möglichkeiten – außen herum oder mitten durch. Man hat mir zwar empfohlen außen herum zu gehen, aber mir den zweiten Weg als Wahl gelassen. Und diesen Weg direkt hindurch habe ich dann gewählt. Dabei haben sie mir Werkzeuge an die Hand gegeben und Tipps – aber die Arbeit musste ich schon komplett selber machen.

Sie haben mich begleitet, mir mein Tempo gelassen und immer wieder darauf hingewiesen, dass es möglich ist, einen Schritt zurück und sogar bei Bedarf außen herum zu gehen. Mir wurde auch gesagt, dass auf der anderen Seite nicht das Paradies wartet und dort nicht alles 'easy peasy' werden würde. Das Leben würde in anderer Art weiter gehen und die 'Trümmer' der Vergangenheit wären nicht weg. So wie auch nach einer Lawinen-Bergung nicht jedes Fitzelchen Schnee und Steine weggeräumt wird, sondern erstmal die Rettung im Fokus liegt.

Und ja, die Therapiezeit war wie in einem Tunnel sein – kein Wunder beim Durchgraben durch die Lawine. Letztlich war das 'Sonnenlicht' am Ende dieses Tunnels eine riesen Überraschung und brachte neue Herausforderungen mit sich. Aber auch aufgrund der schwierigen Zeit vor und während der Therapie schätze ich dieses wärmende 'Sonnenlicht' nun besonders.

Der Weg hat sich auf jeden Fall gelohnt und ich bin dankbar für alle Möglichkeiten, die mir geboten worden sind. Bei allem was dort nach 'Standard' vorhanden war, wurden ganz viele zusätzliche Hilfen angeboten. Und es wurde immer wieder in Rücksprache mit mir geschaut, wie meine aktuelle Belastung aussieht.

Chamëleon

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3 Kommentare

  1. Vielen Dank für diese Gedanken und Preisgaben Deines Weges. Sehr wertvoll! Für jene, die noch zögern! Wenn ich es herunterbreche auf die Essenz, die ich im Vergleich mit meinem Weg , wahrnehme – so wird mir bewusst, wie sehr mich meine Sehnsucht, meine Spiritualität da hindurch getragen hat – und weniger mein therapeutischer Weg. Etwas in mir war da offensichtlich immer da, was mir die Zuversicht, das Licht der Hoffnung bewahrte, durch all die Schreckenszeiten, – fast unsichtbar. Das Bild von den 2 Fußspuren im Sand auf einer Postkarte kommt mir in den Sinn, wo plötzlich nur noch in einer Spur zu erkennen ist und der gebeutelte Mensch anklagend zu Gott sagt: "Warum bist Du nicht immer an meiner Seite gegangen und hast mir in schweren Zeiten allein gelassen?" und Gott ihm antwortet: "Da wo Du nur eine Spur siehst im Sand, das war in den besonders dunklen Zeiten – da habe ich Dich getragen".
    Danke für diesen wunderbaren Austausch!!!
    Melinas

  2. Ich bin in dem Beitrag nur nicht auf den religiösen Aspekt eingegangen, da war er aber die ganze Zeit – Glaube und Hoffnung sind egal wie gut die menschlicher Hilfe ist, meines Erachten nach immer notwendig.

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