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Selbstbeherrschung

Lesezeit: 7 min
chameleon author

Angelehnt an einen Artikel, den ich heute gelesen habe, möchte ich hier etwas zum Thema Selbstbeherrschung schreiben. Selbstbeherrschung oder auch Selbstdisziplin findet man heutzutage immer seltener. Die meisten Menschen wollen alles immer sofort erreichen oder haben – idealerweise, ohne dafür viel tun zu müssen. Und ganz viele Menschen machen sich kaum bis gar keine Gedanken über die (langfristigen) Auswirkungen ihres Handels. Und diejenigen, die sich diese Gedanken machen, schlagen ihre eigene innere warnende Stimme oftmals in den Wind – wenn sie diese überhaupt hören.

Schon in den 1940er-Jahren untersuchte man, wie sich mangelnde Selbstdisziplin auf die Gesellschaft auswirkt. Und neuere Studien zeigen, dass dieses Problem weiter stark zugenommen hat. Immer mehr Menschen fehlt es an Selbstdisziplin. Ganz viele empfinden dies sogar als eine schlechte Eigenschaft. Sie sehen sie als Einschränkung ihres freien Willens und Selbstbestimmungsrechts.

Aber Stop! Wie wirkt sich denn fehlende Selbstdisziplin aus? Das man sich selbst beim undisziplinierten Shoppen ver- oder überschuldet, ist zwar ein sehr persönliches Problem, kann anderen Menschen aber tatsächlich zumindest dann egal sein, wenn derjenige keine Familie hat, die davon mit betroffen ist.

Letztendlich kann man einen Großteil der Probleme und Schwierigkeiten tatsächlich auf mangelnde Selbstbeherrschung zurück führen. Das klingt weit her geholt? Ich kann gerne ein paar Beispiele nennen.

Sei es, dass man in der Schule nicht das leistet, was man kann und sich dadurch die berufliche Zukunft vernagelt. Oder im Beruf wo Arbeiten aufgeschoben werden, nicht das geleistet wird, was möglich wäre, so dass dadurch finanzielle Einbußen bei den Unternehmen entstehen und man sich selbst das Wasser für einen sicheren Job abgräbt. Anstatt sich als selbst zu regulieren und so finanziell eine bessere Zukunft in Aussicht zu haben, ist der Moment des Spasses im Vordergrund.

Eine Selbstregulierung würde dazu führen, dass man im Straßenverkehr nicht zuerst daran denkt, so schnell wie möglich am Ziel zu sein, sondern man darauf zu achten, so zu fahren, dass man andere nicht gefährdet.

Wer sich nicht selber beherrscht bzw. keine Disziplin an den Tag legt, wird über kurz oder lang die Grenzen anderer überschreiten. Würde jeder einmal nachdenken, wie sich der andere fühlt und dann lieber mal seinen Mund halten anstatt los zu poltern, käme es nicht zu verbaler Misshandlung und niemand würde mit Gewalt sein Gegenüber niedermachen.

Kaum einer sagt etwas gegen den Konsum von Alkohol – solange es dies in kontrollierter Menge stattfindet. Das dabei so ziemlich alles aus dem Ruder gelaufen ist, sieht man an den weit über 70.000 Todesfällen aufgrund von Alkohol alleine in Deutschland (Quelle: DHS Jahrbuch Sucht 2019, PDF ). Von den Jugendlichen, die exzessiv Alkohol trinken nicht mal zu reden. Selbstkontrolle bei vielen einfach Fehlanzeige. Und wie viele sich im betrunkenen Zustand dann noch hinters Steuer setzen zeigt umso deutlicher, wie egal diesen Personen irgendeine Form von Selbstdisziplin ist.

Nehmen wir den Umgang mit den natürlichen Ressourcen – Raubbau an allen Enden. Und dem Großteil der Menschen ist es spätestens dann egal, was mit der Umwelt ist, wenn es 'Einschränkungen' in ihrem Alltag mit sich bringt. Ganz davon abgesehen, ob es wirklich Einschränkungen sind oder nur eine Umgewöhnung nötig wäre. Mittlerweile reden recht viele über Umweltschutz – aber sich selbst zu beherrschen und dann Änderungen im Interesse der Natur und der nachfolgenden Generationen vorzunehmen, ist bei den meisten dieser Personen dann doch wieder nicht angesagt.

Mangelnde Selbstbeherrschung zeigt sich auch an den stetig steigenden Zahlen von unerwünschten Schwangerschaften und den daraus resultierenden Abbrüchen. Weder ist es 'en vogue' sich nicht auf irgendwelche sexuellen Abenteuer einzulassen, noch sich entsprechend zu schützen. Wie sonst könnte man die Aussage der WHO erklären, dass sexuelle übertragbare Krankheiten "eine stille und gefährliche Epidemie" sind und jeder vierte Erdbewohner mit einer der vier erfassten Krankheiten infiziert ist. Nicht mit eingenommen im Übrigen HIV und andere Viren-Erkrankungen. Allein 2016 sind rund 200.000 Babys von mit Syphilis infizierten Müttern kurz vor oder kurz nach der Geburt gestorben. Damit ist Syphilis zu dem Zeitpunkt die zweit-häufigste Todesursache für Babys, nach Malaria (Quelle: WHO engl.).

Und was mangelnde Selbstbeherrschung anderer mit einem selbst macht, brauche ich all denjenigen, die aufgrund von psychischer, physischer und/oder sexueller Gewalt Traumata erlitten haben wohl nicht zu erklären. Egal ob sie diese Gewalt im Kindes-, Jugend-oder Erwachsenen-Alter erfahren haben.

Bin ich nun eine Spaß-Bremse? Nein! Es ist kein Spaß, wenn man sich auf Kosten anderer 'auslebt'. Das ist und bleibt grenzüberschreitend, verletzend und schädigend. Es gab im Laufe der Jahrhunderte viele Personen, die sich mit dem Thema in irgendeiner Form beschäftigt haben – oftmals aus dem Aspekt der Freiheit heraus und viele kennen sicher Zitate zu diesem Thema.

Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt.

Immanuel Kant (1724-1804)

Wenn meine Freiheit also dort endet, wo die des anderen anfängt, muss ich mich selbst beherrschen um diese Freiheit des anderen nicht einzuschränken.

Wer anderen die Freiheit verweigert, verdient sie nicht für sich selbst.

Abraham Lincoln (1809-1865)

Ich bin sicher alles andere als perfekt und habe an mir selbst weiter zu arbeiten, diese Grundsätze auch selbst in so vollständigem Maße wie mir möglich anzuwenden. Ich versuche es nicht nur als passives Einhalten von Grenzen anderer zu verstehen sondern konform mit dem folgenden aktiv zu sein:

Behandelt andere so, wie ihr von ihnen behandelt werden möchtet.

Jesus Christus (2 v.u.Z.-33 u.Z)

Ich versuche mich also nicht nur zurück zu nehmen, mir Grenzen zu setzen und anderen nicht zu schaden, sondern ich versuche die Grenzen anderer zu erkennen, diese zu respektieren und ihnen Gutes zu tun. Denn auch ich möchte von anderen nicht nur nicht schlecht behandelt werden, sondern eine gute Behandlung von ihnen erhalten. Und ich denken, dass die meisten Menschen lieber jemanden um sich haben, der ihnen gegenüber Gutes im Sinn hat anstatt jemanden, der einfach nur darauf achtet einem nicht zu Schaden… wobei selbst dass in der heutigen Zeit schon mehr als nur ein gutes Miteinander bewirken würde.

Chamëleon

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7 Kommentare

  1. Für mich hat das Thema Selbstbeherrschung die Bedeutung (und ist unmittelbar damit verknüpft, dass "man auch durchhalten kann". Das heißt für mich – ein Ziel (ethisch, moralisch, wertschätzend für andere aber auch für sich selbst) ins Auge zu fassen und danach zu streben und auch langfristig so handeln, dass dieses Ziel erreichbar wird. Das heißt auch Disziplin bei sich selbst einzuhalten um seinem Ziel näher zu kommen. Das erfordert natürlich Selbstbeherrschung und darauf zu verzichten, dass man alles verwirft, das nicht sofort oder sehr schnell zum Ziel führt (z.Bsp. Unangenehmem, Schmerzhaften jahrelang aus dem Weg zu gehen). Das waren meine Gedanken zu diesem Thema!

    1. Absolut! Damit hast du natürlich Recht. Deine Aussage "darauf zu verzichten, dass man alles verwirft, das nicht sofort oder sehr schnell zum Ziel führt", ist ja das, was heute an der Tagesordnung ist. Alles sofort haben wollen/erreichen wollen. Danke dir für deinen Kommentar!

  2. Geb dir zu 100% Recht.

    Und doch, laut KA ist Selbstbeherrschung bei einer Gehirn Erkrankung etwas, was man wohl nicht erwarten kann. DIS gehört da leider dazu. Heißt nicht, man braucht nicht danach zu streben. Heißt nur, dass es nicht unbedingt funktioniert. Denn nicht alle Anteile teilen diese Meinung. Für manche ist Selbstbeherrschung nur in Gefühllosigkeit oder ertragen von Schmerzen erstrebenswert. Manche finden genau jene Gewalt gut, die den Rest von uns zerstört. Und bei der Abspaltung und Wechsel ist es nun mal ein Problem diese Anteile zu kontrollieren und das hat nichts mit Selbstbeherrschung zu tun, weil man nicht mehr man selbst ist. Man kann nur im Vorfeld Maßnahmen ergreifen um zu verhindern dass es wechselt oder ausgeführt werden kann. Das muss aber nicht unbedingt erfolgreich sein.

    Wichtig ist es trotzdem nach Wegen zu suchen – keine Frage. Aber bei solchen "Krankheiten" ist es mit Disziplin und Beherrschung natürlich trotzdem ein großes Problem. Und wenn man jetzt bedenkt, dass sehr viele Täter/inen zuvor selbst Opfer waren und zu der Zeit auch nicht die Möglichkeit hatten eine Therapie zu machen, dann ist nicht mehr alles mit fehlender Selbstbeherrschung begründbar. Das soll hier aber keine Entschuldigung für die Taten sein.

    Da kann man auch Paulus zitieren, der trotz Willen und Streben doch sagte, dass er was anderes tut als er gern hätte und dabei hat er keine DIS gehabt – nehm ich mal an.

    1. Du hast natürlich recht mit deinem Kommentar. Es sind generell zwei Dinge: 'gesunder Mensch' vs 'geschädigter Mensch'. Die Fähigkeit der Selbstbeherrschung ist sicher dennoch gegeben – nur nicht auf die gleiche Art und Weise oder in der gleichen Ausprägung.

      Ein DIS-Betroffener mag sich durchaus beherrschen können, z.B. anderen nicht an die Gurgel zu gehen. Oder Selbstbeherrschung im Bereich der Moral gelingt ihm/ihr. Oder im Bereich des ökologischen Fußabdrucks… oder, oder.

      Niemand wird absolute, perfekte, total ausbalancierte Selbstbeherrschung haben – egal ob gesund oder 'krank'.

      Und ich sage mal so: Ich kenne mehr 'gesunde' Menschen, die sich in keiner dieser Formen beherrschen (wollen ist hier dann wohl angebracht) als dass ich 'Kranke' kenne, die so unbeherrscht durch die Welt stampfen.

  3. Ja, Du hast vollkommen recht damit und auch Vergissmeinnicht ebenso. Es gibt mindestens solch unbeherrschte Menschen unter den sog. Gesunden….. Dennoch haben nicht gerade wir DISler da mehr Verantwortung, weil wir aus Gründen des Leids viel bewusster geworden sind im Umgang mit "Verhinderung" von 'unbewusstem Mangel und Anwendung von Selbstbeherrschung. Mehr Bewusstsein zu entwickeln ist für mich das A und O und DISler haben da sogar m.e. einen Vorsprung, denn sie litten zeitlebens unter der triebhaften Lebensweise in Gewaltverhältnissen und haben sich 'gezwungenermaßen' damit auseinandersetzen müssen, wie die Mechanismen sind. Mehr Bewusstheit macht uns fähiger Gewaltverhältnisse zu durchleuchten und uns davon in eigener Verantwortung davor zu bewahren solche unbewusst weiter selbst auszuführen. Dazu ist es nötig genau hinzuschauen und nicht nur schwarz weiß zu denken – auch bei den Tätern.

    1. Es ist schwierig, das nun mit einem 'Ja' zu beantworten… Ich weiß nicht, ob wir da mehr Verantwortung haben, aber dass wir mehr die fehlende Selbstbeherrschung abbekommen haben, steht außer Frage. Leider ist es nicht so, dass man sich damit auseinandersetzen 'muss' – ich kenne einige DISler, die sich mit den 'Wieso' und 'Was mache ich nun damit' in keiner Form auseinandersetzen. Die haben irgendwann das Wissen 'erhalten', dass ihnen etwas angetan wurde, das zur DIS führte und dann alles von sich gewiesen. Also sich in die Position gesetzt: 'Ich habe da keine Verantwortung, weil ich bin nicht Schuld.' Damit ist das Reflektieren beendet. Und dementsprechend leben sie einfach nur vor sich hin – bei einer Betroffenen, die ich persönlich kenne, ist daraus ein regelrechtes dahin Vegetieren geworden. Sie gilt nach über 25 Jahren mit teils 6 Aufenthalten jährlich in der Psychiatrie mittlerweile seit drei Jahren als untherapierbar und ist auch zu keinerlei Gesprächen bereit.

  4. Das ist so unendlich traurig… und genau deshalb schreibe ich meinen Blog… weil es einen Weg daraus gibt, wenn wir begriffen haben oder die Chance haben zu begreifen und sie aktiv annehmen. Tun wir das nicht, dann gehen wir für immer den Weg des "Spielballs des Schicksals". Aber da denke ich immer an den Bibelspruch (obwohl ich nicht bibelfest bin und hier frei übersetze) "Der Herr gab uns den freien Willen" und in meinen Erinnerungen schwirrt auch der Satz rum: " Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott". Solche Sprüche sind durchaus förderlich für Weiterentwicklung – finde ich 😉

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