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Schmerzklinik, die Erste

Lesezeit: 9 min
chameleon author

Da ich mir sicher bin, das ein oder andere Mal von meinen Besuchen in der Schmerzklinik zu berichten, versehe ich ich diesen Beitrag mal mit dem Zusatz 'die Erste'. Wie ich schon öfter schrieb, habe ich seit Jahren Schmerzen. Und wie mir mittlerweile klar geworden ist, nicht erst seit kurz nach dem Sprung mit 27 Jahren von der Klippe ins Wasser. Tatsächlich war ich bereits als Jugendlicher immer wieder mal mit Rücken-, Gelenk- und unspezifischen Schmerzen bei verschiedenen Ärzten.

Nun war ich also in Begleitung meiner Betreuerin in der Schmerzklinik. Die Aufregung vor solchen Terminen ist Tage zuvor immer schon auf einem irren Level. Oftmals sind es die alten Gedanken, dass man mir sicher sagen wird: 'Das ist alles gar nicht so. Sie haben das nicht, sie sind ein Simulant.' Trotz Allem, was ich an gesundheitlichen Einschränkungen und Diagnosen anerkannt bekommen habe, ist das immer noch ein Punkt, der mich fast auffrisst.

Also in der Klinik angekommen, erwarteten mich zwei nette MFA und ein Blatt zum Ausfüllen: 'Welche Art Schmerzen haben Sie?', ist die Zusammenfassung des Zettels. Nur ca. 15 Minuten Wartezeit und es ging ins Sprechzimmer. 5 Minuten später war der Arzt dann auch schon da. Ein Mann in der Mitte der 50er, der von seiner ersten Ausstrahlung her nicht zu den Leuten gehört, mit denen ich mich gerne umgeben würde. Doch von seiner Art her sah das ganze schon wieder anders aus. Manchmal trügt der erste Schein doch 😉. Denn er war nicht nur sehr aufmerksam und freundlich sondern hatte auch eine gesunde Prise Humor zu bieten. Das hat es doch ziemlich erleichtert, mit ihm auch in Details zu reden.

In dem gesamten Gespräch hatte ich nie den Eindruck nur eine Nummer zu sein oder einer von vielen Patienten, die durchgeschleust werden müssen. Ich fühlte mich ernst genommen. Gezielte Fragen, ein wohlwollendes Bestätigen meiner Antworten. Er hat keine Zweifel aufkommen lassen. Eineinhalb Stunden dauerte dieses Gespräch!

Sein erster Kommentar, da er ja meinen ausgefüllten Bogen vorab gelesen hatte: "OK, Sie haben ja seit Ewigkeiten überall Schmerzen. Eigentlich schon immer. Da wird es Zeit, das wir da was dran ändern." Er fragte zuerst ab, wo und welche Art Schmerzen ich habe, aber im Laufe des Gespräches ging es auch über verschiedene Behandlungsansätze und viele Erklärungen, warum das ein oder andere sich so verhält/verhalten könnte. Und mehrfach erfolgte der Hinweis, dass es nicht darum geht, die Ursache zu finden, sondern mir die Schmerzen zu nehmen. "Sie sind seit Jahrzehnten bei verschiedensten Ärzten in Behandlung gewesen – sowohl wegen ihrer seelischen als auch wegen ihren körperlichen Belastungen. Herumsuchen muss da nicht mehr sein."

Er hat sich den MRT-Bericht angeschaut und gemeint: "OK, das was der Arzt dort beschreibt, erklärt nicht alle Symptome. Aber das ist auch kein Wunder. Was er als 'leicht' beschreibt, bezieht sich auf die Aufnahmen in liegender Position. Sie liegen aber nicht den ganzen Tag, sondern die meiste Zeit sind sie aufgerichtet unterwegs. Und in aufrechter Person ist ein für 'leicht' gehaltener Schaden ganz schnell mal ein 'schwerer'. Das Ein oder Andere ist sicher psychosomatisch, aber es ist offensichtlich ein Zusammenspiel verschiedener Schäden und Schmerz-Arten."

Er fragte irgendwann, ob die Schmerzen in letzter Zeit schlimmer geworden seinen, da ich ja nun endlich zum Arzt gehe. Als ich ihm Antwortete, dass die Schmerzen gleichbleibend hoch sind seit Jahren und ich her gekommen bin, weil meine Frau mich 'genervt' hat, musste er lachen: "Das kenne ich! Ich gehe auch immer erst zum Arzt, wenn meine Frau mich so lange genervt hat, dass ich sage: 'Jaha, ist ja gut, ich habe es verstanden, ich gehe ja schon zum Arzt'".

Er hinterfragte auch Details wie 'Sind Krämpfe auch in der Nacht vorhanden?', 'Ist die Taubheit in den Fingern zwischendrin mal weniger stark ausgeprägt?' und erklärte auf verständliche Art und Weise, warum das das eine eher körperlich bedingt und das nächste Symptom psychosomatische Ursachen hat.

"Da Sie Ganzkörperschmerzen haben, schränkt das generell die Behandlungsmöglichkeiten ein – würde ja keinen Sinn manchen, Ihnen nun in irgendeine Stelle ein Schmerzmittel zu spritzen. Wir müssen also den ganzen Körper ruhig stellen. Und was ihre hohen Schmerzen angeht, bleiben da nur Medikamente die sehr weit oben angesiedelt sind. Ich würde sagen, wir fangen mit einem Opioid an, dass gerade noch unterhalb der BTM-Zulassung liegt und schauen welches Ergebnis wir damit erzielen. Mit einer kleinen Dosis brauchen wir erst gar nicht anzufangen. Sie sind groß, recht jung und nicht abgemagert."

Die Dosis Tilidin wurde auf 2-3x täglich 100mg festgesetzt. Der Hinweis, dass ich schauen soll, ob nach 8 oder nach 12 Stunden wieder stärkere Schmerzen auftreten. "Der Hersteller sagt zwar, dass es 12 Stunden wirkt, aber viele Patienten berichten, dass nach 8 Stunden bereits wieder starke Schmerzen auftreten." Wenn die Dosis nicht reichen sollte, müsse ich bis zum nächsten Termin noch zusätzlich mit Celebrex auffüllen.

Tatsächlich nehme ich nun 3 mal täglich 100mg Tilidin ein – denn nach etwas über 8 Stunden hatte ich fast wieder Schmerzen wie ohne Medikament. Aber Celebrex brauche ich im Moment nicht dazu. Das Opioide abhängig machen, ist mir erstmal wurscht – solange die Dosis nicht ins unermessliche steigt, sondern ich mit einem gleichbleibenden Level auskomme, ist das für mich in Ordnung. Meine Schlafmittel machen auch abhängig. Da ich diese aber auch schon seit Jahren in gleicher Dosis einnehme und sie gleichbleibend gut wirken, bin ich da guter Dinge.

Und wie immer merkt man erst, wenn etwas weg ist, wie sehr es einen eingeschränkt hat. Ich hatte Hoffnung, dass ich vom Schmerz-Level 8-10 auf 5-6 komme. Ich liege aber nun eher bei 4! Und ich merke zum ersten Mal bewusst, wo die Schmerzen noch besonders vorhanden sind. Die Überlagerung aller Schmerzen zu einem großen Gesamt-Schmerz ist weg. Ich merke, dass mir der Nacken, die linke Kiefer-Seite, die rechte Schädel-Hälfte, die Hände, rechts unten der Rücken, die linke Wade und der linke Fuß die meisten Schmerzen verursachen. Diese Schmerzen sind auch noch da – aber der 'Zwischenraum' ist schmerzfrei und daher das gefühlte Level 4 im Gesamten. Auf die übrigen Stellen ist es Level 5-7.

Wie sich Stress nun auswirken wird, muss ich erst noch feststellen. Bisher war Stress immer ein massiver Verstärker für die Ganzkörperschmerzen. Mal sehen, ob nun die noch schmerzenden Stellen mehr weh tun werden oder ob es sich dann wieder auf den ganzen Körper ausbreitet. Stress werde ich bestimmt irgendwann in den nächsten 14 Tagen irgendwo finden…

Als Nebenwirkungen hatte ich Anfangs so ein Gefühl, als ob ich auf einem alten Kahn stehe, der hin- und her, vor- und zurück Schaukelt. Mittlerweile ist dieses Schaukeln eher wie auf einem guten Ausflugsdampfer, was zur Folge hat, dass ich heute nicht mehr ganz so eiernd und langsam durch die Gegend laufe, wie die ersten beiden Tage.

Der Arzt hatte mich aber über alle Nebenwirkungen sehr gut aufgeklärt. Er meinte so, dass er es zwar bisher nur bei einem Patienten erlebt hat, aber bei meiner Diagnose sollte ich da besonders drauf achten: "Es könnte rein theoretisch zu Halluzinationen führen. Ich hatte mal einen Patienten ganz am Anfang meiner Zeit, der kam nach einer Woche wieder in die Praxis. Die Frau meinte er könne das Medikament nicht mehr nehmen. Es sei zwar toll, dass er wieder total fit sei und im Garten arbeiten könne… aber die Nachbarn würden schon komisch schauen, weil er immer mit jemandem redet. Auf die Frage mit wem antwortete er: 'Mit den Zwergen da'… 'Wir haben aber gar keine Gartenzwerge…'"

Wie ich heute früh festgestellt habe, sehe ich nur Schneewittchen… ähm meine Ehefrau am Frühstückstisch sitzen, aber noch nicht die sieben Zwerge 😁 Also alles in Ordnung.

In 14 Tagen habe ich den nächsten Termin, darf dann mein ausgefülltes 'Schmerz-Heft' abgeben und es wird Medikamentös wohl feiner eingestellt werden. Er geht zwar durchaus davon aus, dass es etwas mehr, bzw, ein zusätzliches Präparat geben muss, aber beim nächsten Termin ist dann der Klinikleiter da und wird noch genaueres besprechen.

Chamëleon

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2 Kommentare

  1. Na, das hört sich doch schon mal besser an…. und ein Arzt der gründlich zuhört und noch dazu Humor hat – da hast Du Glück.
    Meine neue Hausärztin kommt mir auch deshalb so engelhaft vor, weil sie mir zuhört und mir ohne gockolores meine KG-Rezepte ausstellt. Wir sind ja schon glücklich, wenn uns keiner in den Boden stampft.
    Haste gut gemacht! Gratuliere! Bin schon gespannt auf Deinen nächsten Bericht!
    Liebe Grüße und weiter gute Besserung (auf allen Ebenen)
    Melinas

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