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Perfektionismus in Perfektion

Lesezeit: 5 min
chameleon author

Ich habe mich ja schon eine ganze Zeit gefragt, warum es mir weiterhin unmöglich war, in mein 'Tagebuch' in meiner normalen Handschrift zu schreiben. Warum bin ich so verbissen darin, in meiner Geheimschrift dort hinein zu schreiben? Die für mich einfachste Lösung: 'Früher musste ich meine Geheimnisse schützen, damit keine zusätzliche Gefahr entstand' – also ist dieser [Achtung: Pollys am häufigsten genutztes 'Fachwort' 😉] alte Glaubenssatz in die aktuelle Lebenssituation übertragen worden. Thema abgehakt, fertig und zu den Akten gelegt…

Naja… nicht ganz so…Am Freitag war ich beim Shiatsu. Die Shiatsu-Tante merkte sofort das einiges massiv im Argen ist. "Boah, was für einen riesen Haufen 'Bullensch*piep*' hast du denn da mitgebracht?", lautete ihr Kommentar, als sie ihre Hände kurz bei mir in dne Nacken legte… und wie sehr sie Recht hatte. Es lag eine riesen Last auf meiner Schulter, die ich selbst als große *piep* empfand. Sie arbeitete vorsichtig einie Punkte im Nacken und der Stirn ab, bis ich bereit war ihr zu sagen, dass zwei Punkte mich gerade sehr belasten. Das Eine ist die Tatsache, dass es meiner Frau gesundheitlich nicht gut geht und ich da ja nichts dran ändern kann: Ich bin hilflos. Und ich hasse es, hilflos zu sein! Punkt!

Diesen Punkt konnte ich schnell äußern. Und ihre Antwort, dass ich beim nächsten Termin bitte meine Frau mitbringen solle, damit sie mir zwei Übungen zeigt, mit denen ich meiner Frau Gutes tun kann und so meine Hilflosigkeit in den Griff bekommen kann, tat einfach nur gut.

Natürlich war da noch der zweite Punkt offen und in ihrer charmanten Art arbeitete sie sanft darauf hin, dass ich ihr sage, was los ist. Letztlich erzählte ich ihr, dass ich zwei Nächte hintereinander in den frühen Morgenstunden Flashback-Träume hatte. Sie schwieg. Eine gefühlte Ewigkeit. "Und was fühlst du, weil du diese Träume hattest?" Ich schwieg. In der Hoffnung sie würde schweigen. Tat sie nicht. "Bist du sauer, weil du die Träume hattest?… Bist du enttäuscht von dir…?"… Das Gesagte waberte zu mir herüber… ich antwortete kleinlaut und zögerlich mit 'ja' …und 'ja'. "Boah! So hart. BOAH! Bist du hart zu dir!"

Das saß. "Ja, bin ich. Es ist nicht perfekt solche Träume zu haben. Es ist nicht perfekt."

Keine Widerworte oder der Versuch zu erklären, dass ich das ja gar nicht sein müsse. Nur die ruhige Frage: "Was ist für dich perfekt?"

"In sich ruhend, Teil des Ganzen und im Einklang zu sein." Ich konnte ihr weises Lächeln spüren: "Stimmt, und heute bist du echt Teil von so gar nichts – überhaupt nicht 'connected'. Ich arbeite schon daran…" Es folgte wieder eine dieser sprachlichen Pausen… diese Art Pause, wo man im Vorfeld weiß: 'Gleich kommt noch mal was.'

"Und konntest du dich aus dem Flashback herausholen? Wurde dir selbst bewusst, dass es ein Flashback ist?"… "Ja", antwortete ich, "Ich konnte es wahrnehmen, beenden, mich aufsetzen, aufstehen und Pilze sammeln gehen".

"Das ist Perfekt", kam es ganz ruhig über ihre Lippen. So auf eine Art, dass es noch bis gestern Abend nachwirkte.

Und gestern Abend wurde mir dann auch bewusst, warum ich in mein 'Tagebuch' nicht mit meiner normalen Handschrift schreibe, sondern nur in Geheimschrift. Sie ist nicht vergleichbar. Sie kann nicht an den Buchstaben, der Grammatik oder der Schriftform von einer anderen Person als unsauber, krakelig oder fehlerhaft angesehen werden. Nur ich kann diese Schrift für mich selbst bewerten. Und da ich den Maßstab festlege, ist sie wenn ich sie schreibe einfach perfekt.

Mit diesem Gedanken konnte ich mich gestern hinsetzen und tatsächlich in meiner normalen Handschrift in mein Tagebuch schreiben. Und ja, sie ist nicht perfekt – sie ist sogar sehr krakelig geworden (im Vergleich zu früher und ich weiß um die Gründe)… und dennoch war es befreiend, den Perfektionismus nicht in Perfektion zu betreiben.

Vielleicht kann ich mich so auch im Laufe der Zeit damit anfreunden, dass die Linienführung meiner Zeichnungen und Malereien nicht (mehr) perfekt sind. Dann hätte ich eine Chance, doch wieder etwas zu zeichnen oder zu malen…

Chamëleon

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5 Kommentare

  1. Zum Glück bist du nicht perfekt, sonst hätte ich wahnsinnig schlechte Karten. Denn ich bin auch nicht perfekt. Aber ich kann deinen Perfektionismus gut nachvollziehen, daran muss ich auch immer weiter arbeiten, meinen Perfektionismus nicht bis aufs Äußerste zu treiben. Das was die Shiatsu-Tante ausgesprochen hat, habe ich nur gedacht. Vielleicht sollte ich doch wieder etwas öfter meine Gedanken aussprechen, dann musst du nicht so eine große 'Bullensch*Piep*' mit dir rum tragen.

  2. Hm, das mit der Hilflosigkeit verstehe ich sooooo gut! Das mit der Schrift … das ist bei mir ganz komisch – ich habe früher so schön handschriftlich schreiben können und jetzt nur noch krakelig und sogar für mich selber schwer lesbar. Du schreibst Du weißt von Gründen warum Deine Schrift so ist…. das würde mich interessieren.

    1. Erst mal gut zu wissen, dass ich nicht der einzige Mensch bin, der mit seiner Schrift nicht so zufrieden ist… und dass du dieses Hilflosigkeitsgefühl nachvollziehen kannst. Ein Grund für die Krakeligkeit bei mir ist die Tatsache, dass die Finger immer mehr taub werden und die Feinmotorik nachgelassen hat. Das andere ist sicher auch der psychische Druck es perfekt (oder zumindest wieder so toll wie früher) zu können… Ein Kreislauf, in den ich mich da als dann auch immer wieder selbst tief hineinreite und nur wieder langsam herausfinde.

      1. Das mit dem perfekt – na ja – das ist es wahrscheinlich bei mir nicht…. denn die anderen Leute finden das nicht (zumindest nicht, wenn ich versuche schön zu schreiben), aber ich merke es bei mir halt, dass ich die Endungen eines Wortes fast nie ausschreibe – ist eine Art 'Schnellschrift' geworden mit den Jahren. Grad fällt mir ein 'wie auf der Flucht'. Ich schreibe eigentlich nur noch mit der Hand zum notieren, vielleicht habe ich es einfach nur verlernt. 😉

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