Chamëleon im Chaos Logo

Erkenntnis…

Lesezeit: 10 min
chameleon author

Manche Tage bringen ganz direkt – wie mit einem Schlag – Dinge ans Licht. Dinge, die man oftmals über Jahre oder gar Jahrzehnte nicht wahrhaben wollte… So war es gestern bei mir. Es war geplant, dass Ionovia und ich gemeinsam mit dem Bus Richtung Stadt fahren, Sie zum Ergo- und Physiothermin und ich dann in der Stadt noch kurz zur Hausärztin gehe um meine Blutdruckmedikamente abzuholen. Danach wollte ich wieder nach Hause fahren und später dann zum Psychiater zwecks Quartals-Gespräch und Rezept für das Schlafmittel.

Ich bekam noch einen Anruf von meinem Betreuer, dass er weiterhin Krank ist und eine Kollegin den Termin mittags übernimmt. Kurz davor war klar, dass Ionovia die Termine nicht wahrnehmen kann. Ihr Kreislauf war total am spinnen und ihr war kontinuierlich schwindelig. Ich geriet in Hektik und regelrechte Panik: Alleine mit dem Bus fahren, zum Arzt, danach noch einkaufen und wieder alleine zurück. Too much! Also habe ich meine andere Betreuerin Informiert, dass ich das alleine nicht schaffe und ich dringend Hilfe brauche. Ich weiß, dass sie erst etwas säter anfängt zu arbeiten und da ich unbedingt neue Medikamente brauchte, machte ich mich schon auf den Weg.

Bei der Hausärztin angekommen, war ich bereits total fertig. Die 'normal' üblichen, körperlich bedingten Schmerzen waren durch den Stress so stark geworden, das ich mich kaum auf den Beinen halten konnte. Die MFA schaute mich an und ihr war sofort klar, dass es mir richtig mies ging. Zuerst kümmerte Sie sich aber darum, dass ich mein Rezept bekam – denn hier lauerte gleich das nächste Chaos. Der Blutdrucksenker ist momentan nicht lieferbar. Also rief Sie in der Apotheke an und sorgte dafür, dass das letzt Paket für mich reserviert wurde. Bevor Sie mir das Rezept aushändigte fragte Sie nochmal nach: "Wie geht es Ihnen?"… Meine Antwort überraschte mich selbst… unter normalen Umständen hätte ich gesagt: "Ich komme klar", oder auch "Es ist gerade etwas stressig, wird schon wieder"… doch in dem Moment konnte ich nichts anderes sagen als: "Schlecht, die Schmerzen machen mich fertig, ich kann sie nicht mehr kompensieren."

"Kann ich Sie überreden, hier zu bleiben und die Frau Doktor gleich direkt zu Ihnen zu schicken?", schaute mich fragend an und schob direkt hinterher: "Ich habe Sie hiermit überredet…" Sie hielt mir das Medikament hin. "Sie gehen jetzt runter in die Apotheke, holen sich Ihr Medikament und kommen sofort wieder hier hoch… Ja? Ja!"… Mir blieb nichts anderes als "Ja, ok, ja!", zu sagen. Ich konnte keine 'Gegenwehr' mehr leisten.

Wenige Minuten später sass ich im EKG-Raum nur im nicht einmal zwei Minuten später direkt zur Hausärztin hinein zu dürfen. Die Hausärtzin hatte mich persönlich schon lange – wohl ein Jahr lang – nicht mehr gesehen. Ich habe meine Rezepte entweder nur abgeholt oder war auch mal im Labor. Doch nun sass ich bei ihr im Behandlungszimmer.

Als Erstes entfuhr ihr ein "Wow! Sie haben sich ja halbiert!" Tatsächlich hatte ich in Spitzenzeiten 148 kg Gewicht – sie kannte mich zumindest mit 138 kg. Jetzt sind es nur noch ca. 93 kg. Das fällt auf. Dazu ist schon seit einiger Zeit der Bart ab… Sie meinte: "Sie sehen aus wie ein junger Mann!" Sie fragte erst einmal den aktuellen Therapie- und Behandlungsstand ab und aktualisierte ihre Daten. Sie lobte mich für die vielen offensichtlichen Fortschritte. Und dann ging es ans Eingemachte. Was denn los sei, war die Frage… und wieder platze es aus mir heraus: "Ich halte die Schmerzen nicht mehr aus. Ich kann sie nicht mehr kompensieren – ich kann es nicht mehr abfangen. Ich habe seit fast 20 Jahren Schmerzen, ich habe mich immer irgendwie damit arrangiert. Aber ich kann jetzt nicht mehr. 1200 mg Ibuprofen dämpfen nur noch minimal."

Sie zeigte absolutes Verständnis und teilte mir Ihre Meinung klar und eindringlich mit: "Das geht so nicht. Da muss eine andere Lösung her. Ich sehe Sie nicht mit einem Monopräparat und ich bin der Meinung sie müssen unbedingt in eine Schmerztherapie. Ich besorge Ihnen umgehend einen Termin! Sie sind Trauma-Patient und ich gehe davon aus, dass Sie ein Präparat gegen die körperlichen Schmerzen und ein weiteres gegen die stressbedingte – also psychosomatische – Verstärkung der Schmerzen benötigen. Ich sehe hier eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass Sie auf CBD sowie ein weiteres Präparat eingestellt werden müssen. Ich mache Ihnen direkt einen Termin bei der Schmerzambulanz. Und bis dahin schauen wir, welches Medikament Ihnen solange zumindest ein wenig helfen kann."

Wir klärten im Gespräch ab, dass Novalgin nicht geht, da ich da zuerst Fieber bekomme und dann in die Untertemperatur falle. Tilidin hatte ich schon mal getestet und zwar dann die Kopfschmerzen in den Griff bekommen, alles andere an Schmerzen war aber unvermindert da. Paracetamol kann ich Essen wie Bonbon, ohne dass irgendetwas passiert. Celebrex hatte ich auch schon mal probiert und es hatte den Schmerz zumindest stärker gedämpft als Ibuprofen. Sie hat mir daher nun erstmal dieses Medikament aufgeschrieben. Eine gute Dreiviertelstunde hatte Sie sich Zeit genommen – und das obwohl ich unangemeldet dort war und das Wartezimmer wie gewohnt voll.

Kaum war ich draußen und hatte das Medikament gekauft, hat sich meine Betreuerin gemeldet. Sie ist direkt vorbei gekommen und wir sind gemeinsam einkaufen gefahren. Völlig platt kam ich zuhause an. Noch im Auto sitzend klingelte das Telefon: "Sie haben am 03.12. um 11:00 Uhr den Termin in der Schmerzambulanz". 'Ich bin Schmerzpatient', schoss es mir durch den Kopf. Als ich es Ionovia erzählte, kamen ihr Tränen in die Augen: "Danke, dass du endlich vernünftig geworden bist, was das Thema angeht!"

Ich nahm die Celebrex ein, denn mittlerweile ging gar nichts mehr. Und in weniger als einer Stunde würde es zum Psychiater gehen… Die Vertretung war 10 Minuten nach dem vereinbarten Termin noch nicht da. Ich als meine Betreuerin angerufen, die ziemlich ungehalten war, dass da schon wieder was schief läuft, hoffte aber, dass die Kollegin in ein paar Minuten da wäre. Also habe ich beim Psychiater angerufen und darum gebeten, andere Patienten vor zu ziehen. Auch weitere 20 Minuten später war die Vertretung nicht da. Meine Betreuerin rief mich wieder an: "Ich komme jetzt selbst vorbei und sage meiner anderen Klientin ab. Das geht so nicht – wir müssen die Medikamente abholen, das ist ein fixer Termin".

Für meine Psyche ist das alles das pure Gift und für meine Schmerzen die ideale Nahrungsgrundlage. Die Celebrex haben zum Glück recht gut und schnell gewirkt, so dass ich noch einigermaßen klar kam.

Der Psychiater hat zum Glück sehr viel Verständnis und so konnte der Termin mit einer Stunde Verspätung doch noch stattfinden. Und er nahm sich wie gewohnt sehr viel Zeit. Ehrlich gesagt: Ohne Ihn und das gesamte Netzwerk wäre ich in der Vergangenheit an die finale Grenze meines Lebens gestoßen.

Ich habe ihn dann noch gefragt, ob er eine weitere Patientin aufnehmen würde, da die Ärztin, die Ionovia betreut in Rente geht. Obwohl es Aufnahmestopp für neue Patienten in der Klinik gilt, war er bereit, sie für Quartals-Gespräche und Medikamentierung aufzunehmen. Meinen und Ihren Termin legt er direkt hintereinander und reduziert die Zeit etwas, damit wir beide ja circa 30 Minuten haben. Auf die 15 Minuten die ich bisher meist mehr nutze, verzichte ich gerne, wenn ich weiß, dass meine Frau dafür ebenfalls gut versorgt wird.

Um 09:20 Uhr habe ich das Haus verlassen, hatte eine kurze 'Mittagspause' von knapp einer Stunde war wieder unterwegs um dann einen Espresso später gegen 16:40 wieder zuhause zu sein… Danach noch mit dem Hund raus und gegen 18:50 angefangen vegane Burger als Abendbrot zubereitet.

Denkt mal bitte jemand daran, dass ich 100% erwerbsgemindert berentet bin und einen GdB von 70 habe? Laut aller Gutachten bin ich nicht für mehr als 1-2 Stunden je Tag belastbar. Und diese Zeiten musste ich gestern massiv überschreiten… Ich bin FIX und ALLE! Und ich werde Tage, wenn nicht gar Wochen brauchen um mich davon zu erholen.


Als Ergänzung, weil es mir nun schon dutzende Male so passiert ist:

Jeder der denkt ich müsse doch sofort reagieren, wenn er/sie eine E-Mail schreibt: Ihr kennt meine Lebenssituation nur Ausschnittweise, ihr kennt nicht jeden meiner Tage im Detail und ihr kennt nicht meine innersten Gedanken und Gefühle. Also zerbrecht euch bitte nicht meinen Kopf. Bitte bleibt bei euch und euren Gedanken anstatt zu vermitteln, ihr wüsstet, was in mir vorgeht und warum ich auf eine E-Mail nicht (sofort) antworte. Erstellt nicht aus eurer Wahrnehmung ein vorgefertigtes Bild der Denkweise des Gegenübers – ihr werdet (zumindest bei mir) sehr häufig daneben liegen. Denn vieles an negativen Gedankengängen, die ihr dort möglicherweise verknüpft, bin ich selbst nicht in der Lage so zu denken. Und nein, nur weil ich das schreibe heißt dass nicht, dass ich euch böse bin, genervt oder ähnliches. Aber ich denke, dass es berechtigt ist, darauf hinzuweisen, dass ich trotz vielem Funktionieren keine Maschine bin. Ich habe keinen 'Antwort-Roboter' installiert. Und wenn es mir nicht gut geht, dann steht es mir zu, nicht am PC oder Smartphone zu sein. Und zwar ohne irgendeine Meldung geben zu müssen, dass ich nicht erreichbar bin. Und ja, mit dem Recht, dass mein Gegenüber dann nicht vermutet, dass ich ihm/ihr gegenüber irgendwie negativ eingestellt bin.

In diesem Sinne pflege ich nun wieder meine Schmerzen trotz Medikament auf Level 80 weiter und wünsche einen für euch hoffentlich ruhigeren und entspannteren Tag, als er mir gestern vergönnt war.

Chamëleon

Wie sehr gefällt dir dieser Beitrag?

Anklicken um zu bewerten

Durchschnittliche Bewertung / 5. Bewertungen:

6 Kommentare

  1. Oh man, das ist wirklich heftig.
    Möge es dir schnell besser gehen.

    Bitte nicht falsch verstehen. Mir blitzten beim lesen wieder so Gedanken auf: "Siehste, Integration löst die Probleme nicht".
    Ich weiß, du hast geschrieben alles ist viel besser. Aber für uns hört sich das jetzt trotzdem nicht gut an. Es bestärkt unser innen in der Meinung, Integration bringt kein normales Leben, ist also keine Lösung…

    Tschuldigung für diese Gedanken. Du brauchst dich nicht darauf einzugehen, ist ja unseres nicht deins.

    Es macht mich aber trotzdem sehr traurig, dass du immer noch so leiden tust, nach so viel Therapie…

    Ganz liebe Grüße und gute Besserung ❤️

    Ps. Nutzt du und Ionovia Threema nicht mehr? (ist nur ne Frage)

    1. Die Psychotherapie ändert ja nicht meine körperlichen Probleme… Es wäre sehr seltsam anzunehmen, dass ein gebrochener Halswirbel sich Heile-Quatschen ließe… Es sind ganz viele psychische Belastungen viel, viel geringer – aber die Zeit der Wunder ist noch nicht wieder gegeben.

      Danke dir für deine Wünsche 🙂

      Doch, Threema benutzen wir beide – ich schicke dir unsere ID's per E-Mail.

  2. Oh, das tut mir leid – wir haben ja vor einigen Tagen noch ausgetauscht, dass wir uns beide mit den Schmerzen arrangiert haben, den Umgang gewohnt sind – mit Dauerschmerzen…. Ja, manchmal muss es erst ganz schlimm werden bis manche in die Gänge kommen …..
    Gute, schnelle Besserung!
    Alles Liebe für Dich!!!
    Melinas

Kein Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Ich stimme zu (Pflichtfeld)