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Emotionale Worte

Lesezeit: 6 min
chameleon author

Ich habe ein wenig gebraucht, um den Freitagnachmittag in seinen Details zu verarbeiten. Nicht etwa, weil an diesem Tag etwas schreckliches passiert wäre, sondern vielmehr, weil eine mir sehr wichtige Person sich Zeit für mich genommen hat. Mit ihm gab es nie Probleme, so wie ich mich zurück erinnern kann. Doch oftmals wirkte der Austausch… ich sage es ohne böse Wertung, es war meine Wahrnehmung… oberflächlich aber herzlich.

Tatsächlich ist es aber so, dass er auch in meinen heftigen Zeiten – was die psychische Instabilität angeht – sich nie gegen mich gestellt hat. Ich hatte schon einmal ein Gespräch, in dem eine ganz wichtige Aussage von ihm kam: "Egal was damals war oder was auch los ist, ich habe kein Problem mit dir."

Diese Aussage war ein besonderer Anker. Diese Person, mein 16 Jahre jüngerer Bruder, hat mir mit dieser Aussage damals ganz viel Mut gemacht. 'Es gibt da jemanden, der kein Problem mit mir hat. Und das trotz harter Aussagen sowie einem komisch wirkenden Verhalten von mir und ohne die Hintergründe im Detail zu kennen', waren meine Gedanken. Das war es, was mich immer wieder dazu veranlasste anderen, die mir gegenüber aufgeschlossen waren, von meinem tollen Bruder zu erzählen. Und das, obwohl ich nicht wirklich viel mit ihm zu tun habe. Ja, wir sehen uns 1-2 mal die Woche. Wir teilen den gleichen religiösen Glauben und sind in der gleichen Gemeinde. Wir begrüßen uns herzlich und gehen freundlich miteinander um. Aber dennoch ist da was den Alltag angeht und Details des Lebens eine Oberflächlichkeit gewesen.

Ich hatte mir gewünscht, dass wir die weg bekommen. In seiner Kindheit hatten wir ein extrem gutes Verhältnis. So wie auch mit meinen beiden Schwestern. Aber auch hier war immer eine gewisse Distanziertheit vorhanden – zumindest ab der Zeit, wo meine psychische Instabilität extrem ausgeprägt im Außen wahrnehmbar war.

Ich hatte ihn also vor etwas über zwei Wochen angesprochen, ob wir uns nicht mal in Ruhe unterhalten könnten. Er war einverstanden, sagte aber dass er erst schauen muss, wann er Zeit hat. Eine Woche später kam er auf mich zu und wir sprachen mögliche Zeiten ab. Er sagte, er würde sich melden, wenn er es schaffen würde.

Und tatsächlich klingelte einige Tage darauf das Telefon und er fragte, ob der Freitag nach mittag passen würde. Ich habe mich über diesen Anruf so sehr gefreut! Ich musste nicht hinter einem Termin her 'rennen', sondern er nahm sich Zeit.

So trafen wir uns am Freitag dann in einem Café. Ein freundliche Umarmung zur Begrüßung und etwas Smalltalk zu Beginn. "Kaffee vertrage ich nicht mehr. Mal eine Tasse geht, aber regelmäßig… dann bekomme ich echt Magenschmerzen", teilte er mir mit. "Das kommt davon, wenn man alt wird", sagte ich mit einem Augenzwinkern. Es wurde kurz über seine aktuelle Arbeit und seinen vorherigen Arbeitgeber gesprochen und dann fragte er: "Also, was hast du mit mir zu besprechen?"

Ich erklärte ihm zum ersten Mal genauer die Diagnose, die Auswirkungen und auch die Hintergründe. Ich erklärte ihm zudem meinen aktuellen Therapiestand und gab ihm einen Ausblick auf die kommenden Therapien. Er war sehr aufmerksam und wirklich interessiert. Er stellte Fragen, zeigte Verständnis und meinte schließlich, dass er sich extrem über meine Entwicklung freue. Darüber, dass ich bereit bin so sehr therapeutisch zu Arbeiten und mich nicht mit durchaus verständlichen Begründungen gegen Therapien gestellt habe. "Und du bist von einigen heftigen Medikamenten los, nimmst aber das, was nötig ist. Da freue ich mich drüber. Dieses Sauzeug richtet teilweise ja echt einiges an, wenn man das zu lange nimmt."

Alle Details des Gespräches kann ich kaum wiedergeben – so vielschichtig war es. Nichts oberflächliches. Kein Gefühl von 'mal eben einer Pflicht nachkommen'. Einfach nur ein aufrichtiges, ehrliches und herzliches Gespräch unter Brüdern. Vieles, was ich in den letzten Wochen im Blog geschrieben habe konnte in in das Gespräch einfließen lassen.

Fast zwei Stunden haben wir uns unterhalten – inklusive der Zeit auf der Rückfahrt. Er stellte noch einige Fragen – darunter auch welche zu den Tätern. Und das obwohl er zuerst im Gespräch sagte, dass er das wohl eher nicht wissen will… wäre wohl besser… Aber letztendlich waren da doch Fragen offen, die ich beantworten konnte, ohne dass es für ihn oder mich schwierig würde.

Kurz bevor wir Zuhause waren sagte er dann das, was mich nun so sehr beschäftigt hat. "Wenn ich mit bekäme, dass jemand so etwas tut… meinen Söhnen… ich würde den am nächsten Baum aufhängen… da würde ich alles vergessen und würde keine Gnade kennen." Das hat mich regelrecht umgehauen. Zum Einen ist er sonst ein sehr friedlicher und zurückhaltender Typ. Er war nie gewaltbereit oder aggressiv. Zum Anderen steht diese Art der Rache völlig im Gegensatz zu seinen und meinen Glaubensüberzeugungen. Nicht dass ich die Aussage nicht verstehen könnte. Ich kann sie absolut nachvollziehen. Aber ich habe nicht damit gerechnet, das von ihm zu hören.

"Was meinst du wohl, warum ich mich um euch als Geschwister so intensiv gekümmert habe. Immer mit euch raus gegangen bin und für euch da war? Ich wollte nicht, dass euch so etwas geschieht. Man traut sich als Kind nicht zu sagen, was geschehen ist – die Angst vor den Konsequenzen sind einfach zu groß. Aber ich konnte darauf achten, dass es euch nicht passiert."

"Ja, das stimmt. Du warst immer für uns da und hast dich extrem gut um uns gekümmert."

Es wirkt weiter nach. Tiefe Dankbarkeit, dass ich meinen Teil dazu beitragen konnte, dass es ihnen nicht passiert ist und noch größere Dankbarkeit, dass es auch in seiner Wahrnehmung genau so war, dass ich mich eben immer um sie gekümmert habe.

Auch wenn du das hier wahrscheinlich nicht liest: Danke Brüderchen ♥

Chamëleon

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