Chamëleon im Chaos Logo

BbdM: Was erzählt ihr über euch?

Lesezeit: 5 min
chameleon author

Das Thema für den Blogbeitrag des Monats für den Juni, dass von Madita Scherbensammlerin ausgelost wurde hat es echt in sich. Es betrifft so viele Bereiche des Alltags, dass man wirklich intensiv über den Tellerrand schauen sollte, bevor man dort eine Entscheidung trifft oder revidiert.

Das komplette Thema lautet: 'Umgang mit Freunden/Partnern/Bekannten: Was erzählt ihr über euch? Weiß euer Umfeld Bescheid? Wie erklärt man nicht Betroffenen wie es ist Viele zu sein? Usw. usf.' Allein an dieser Fragestellung wird klar, wie weit gefächert die Frage letztendlich ist.

Ich selbst war ab dem Moment, wo die gesicherte Diagnose gestellt war, sehr offen, was die Kommunikation über die Diagnose, ihre Auswirkungen und Ursachen angeht. Und durch die Gründung von Der Bunte Ring bin ich ja auch sehr in die Öffentlichkeit gegangen. Ich habe im Internet eine ganze Zeit sehr öffentlich über mein Innenleben geschrieben, Vorträge gehalten, Selbsthilfegruppen geleitet und organisiert, Interviews für verschiedene Zeitungen gegeben und sogar eine Reportage wurde über mich gedreht. Ich habe mit Fachdiensten, Ärzten, Therapeuten, Organisationen, Krankenkassen und Kliniken im Austausch gestanden um meine eigenen Erfahrungen und die von anderen Betroffenen darzulegen um so für mehr Akzeptanz zu sorgen.

Ich habe dabei sehr viel positives Feedback erfahren und nur wenige wirklich negative Erfahrungen gemacht.

Die auflagenstärkste Zeitung hier in der Region brachte einen großen Artikel über mich, so dass viele mich kurz nach der Veröffentlichung erkannt haben und einige mich gezielt ansprachen. Ich habe im Laufe der Zeit mit Hunderten von Betroffenen telefoniert, mich mit Dutzenden persönlich getroffen und bei den Vorträgen und Workshops vielen Personen Rede und Antwort gestanden.

Quasi alle näheren Bekannten wissen über meine Diagnose, die Ursachen und die daraus entstehenden Herausforderungen bescheid und einigen fallen die deutlichen Veränderungen, die sich durch die Fusion ergeben haben, tatsächlich auf. Es gibt hier sicher zwei bis drei Dutzend Personen, die sich ganz intensiv Zeit genommen haben mich und meine Situation zu begreifen und die sich nach diesen Gesprächen auch weiter für mich da sind.

Es gibt einige wenige Personen, die den Kontakt eingestellt haben – manche nur temporär, weil sie das Thema verdauen mussten, andere halten den Kontakt weiter sehr minimal. Diejenigen sind dann aber auch typische Zweifler, die die Augen vor dem verschließen, was geschehen ist und auch heutzutage mit Scheuklappen durchs Leben laufen wenn es um Berichte in den Nachrichten über das Thema des sexuellen Missbrauchs von Kindern geht.

Was ich tatsächlich sagen muss, dass trotz des Wissens all dieser Personen die DIS nie ein Dauer-Gesprächsthema war. Wir saßen und sitzen immer wieder mit Freunden zusammen, die um die Diagnose wissen und unterhalten uns über alle möglichen Themen. Ich wurde und werde nicht wie ein rohes Ei behandelt, aber man zeigt sehr viel Verständnis, für meine niedrigere Belastbarkeit und dafür, dass es bei mir auch mal 'unrund' laufen kann.

Ich bin insgesamt mit meiner Offenheit sehr gut gefahren. Einzig und allein die öffentliche Darstellung im Internet der abgespaltenen Innenpersönlichkeiten, die mich über all die Jahre begleitet haben, hat Schwierigkeiten mit anderen Personen bereitet. Dabei war dieser öffentliche Blick gar nicht gewünscht – ich hatte die Beiträge immer mit Passwörtern geschützt, aber durch einen Server-Umzug kam es zu einer technischen Panne durch die diese Beiträge eine Zeit lang öffentlich sichtbar waren.

Die daraus folgende negative Erfahrung hat mir gezeigt, wo die Grenzen des Verständnisses bei Nicht-Betroffenen liegen. Solange es abstrakt ist und nur im Gespräch dargelegt wird, ist es 'verdaubar'. Ist es aber so, dass die Innenpersönlichkeiten mit Namen, Charakterzügen und einem (von den Innens / dem Betroffenen so selbst wahrgenommenen) Äußeren auch noch bildlich dargestellt werden, wird es 'zu real' und Nicht-Betroffene zucken komplett zurück.

Andere negative Erfahrungen ergaben sich aus meinem Einsatz für andere Betroffene. Meistens durch Angehörige oder Täter, die sich darüber beschwerten, ich würde ihren Kindern oder Opfern etwas einreden und sie in den Wahnsinn treiben. Aber auch durch andere Betroffene, die sehr aggressiv reagierten, wenn ich mich etwas zurück nahm, weil unsere Herangehensweisen einfach zu unterschiedlich waren.

Alles in Allem würde ich einen großen Teil meiner Offenheit rückwirkend betrachtet aber auch nicht anders gehandelt haben wollen.

Diese Offenheit hat oftmals dazu beigetragen, dass ich weniger Druck hatte. Ich musste mich nicht zwanghaft verstellen und bekam dadurch insgesamt sehr viel Rückmeldungen über mein Verhalten. Das half mir Stück für Stück die Alltags-Lücken zu schließen und so mehr Sicherheit im Umgang mit mir und meinem Innen zu bekommen.

Auch jetzt bin ich weiterhin sehr offen und erkläre Interessierten meinen Werdegang, die eigenen Wahrnehmungen spreche über Ursachen, Traumata und Therapien in einem für die Person angemessenen Rahmen.

Doch sicherlich ist eine solche Offenheit nicht für jeden und vor Allem nicht für jedes Umfeld geeignet.

Chamëleon

Wie sehr gefällt dir dieser Beitrag?

Anklicken um zu bewerten

Durchschnittliche Bewertung / 5. Bewertungen:

9 Kommentare

  1. Ich bin dir sehr dankbar, dass du von Anfang an sehr offen mit mir gesprochen hast. So war und ist es mir möglich, gut mit dir umzugehen, dir zu helfen auf dich zu achten und zu verstehen was mit dir los ist.

  2. Danke dir für den Einblick. Wenn ich darf, würde ich gerne noch etwas detaillierter fragen. Dass andere Menschen es WISSEN, ist ja das eine, das tun bei mir auch einige. Doch LEBEN (oder lebten) sie auch dich als ein Viele-Gegenüber? Gab es Ansprachen in "ihr-Form"? Hat jemand mit Jüngeren gespielt? …
    Hattest du da Sehnsucht nach? Oder reichte dir, dass sie es WISSEN, ohne dass es ein damit LEBEN gab?

    1. Danke dir für deine guten Fragen! Ich musste da echt erst mal etwas quer denken…
      Erlebt haben mich fast alle als Viele. Ich habe über Jahre das wir/unsereins als Standard-Aussprache von meiner Seite gehabt und letztendlich fast alle haben irgendwann auch das 'ihr' zurück verwendet. Innerhalb der direkten Familie (Frau und Kindern) war es normal mit 'euch' angesprochen zu werden und das spielen mit den jüngeren Innens war dort auch immer wieder der Fall. Hier hatte niemand den Wunsch, mit anderen als den engsten Vertrauten z.B. zu spielen.

  3. Hey, cool, dass du mit deiner Diagnose so offen umgehen konntest! Wie ist es denn deinen Innens damit gegangen? Wie haben sie darauf reagiert, als du angefangen hast im Internet zu schreiben? Hast du das erstmal anonym gemacht oder unter deinem wahren Namen? Gab es da keine Ängste im Innen vor dem Schritt in die Öffentlichkeit? Liebe Grüße!

    1. Vielen Dank für deine echt guten Fragen.

      Natürlich gab es im Innen einiges an Unsicherheit und Uneinigkeit: "Öffentlich ja, Öffentlich nein?"

      Auslöser so in die Öffentlichkeit zu gehen waren dann aber bestimmte Punkte, die vom Großteil des damaligen Systems getragen wurden. An erster Stelle war die Feststellung, dass es quasi keine fachlich gut ausgearbeiteten Informationen aus der Hand einer Betroffenen Person gebündelt auf einer Plattform gab. Irgendwie kochten viele Betroffene ihr eigenes Süppchen für sich. Aber offizielle Informationen gab es zu der Zeit fast nur von den Fachleuten. Und das war oft so schrecklich geschrieben, dass der Wunsch nach etwas einfach verständlichen laut wurde.

      Als Zweites stand ich bei allen Hilfsprogrammen total auf verlorenem Posten: "Sie sind ein Mann, Männer sind Täter und als solche können Sie nicht an der Selbsthilfegruppe/Treffen/Therapieprogramm teilnehmen." Gleichzeitig sah ich andere Betroffene, die von Ihrer Diagnose, den Auswirkungen und den Fachbegriffen entweder total überrannt wurden oder nichts verstanden.

      Da stand dann für das System fest, dass sich etwas ändern muss. Diese Punkte waren dann stärker als die Angst Einzelner. Ich bin an vielen Stellen mit meinem Namen, an anderen Stellen aber auch mit meinen Pseudonymen aktiv gewesen.

      Ich habe allerdings für die einzelnen Innens immer geschützte Bereich im Blog eingerichtet, die nur bestimmten Personen zugänglich gemacht wurden. Diese Beiträge sind jetzt zwar alle auf Privat gestellt, aber ich überlege zur Zeit, einen öffentlichen Rückblick auf die Innens die es hier gab, zu erstellen und auch darzulegen wie sie integriert wurden. Also nicht unbedingt den Vorgang an sich, sondern eher wo und wie dieser Innen heute Teil von mir ist. Allerdings wird das sicher eine Zeit brauchen bei der Menge der Innens die Teil von mir wurden.

      1. Danke für deine Antwort! Toll, dass du den Schritt gewagt hast! Ich hoffe einfach, dass es leichter wird mit der Öffentlichkeit, je mehr Heilung kommt. Noch sind die inneren Strafen leider sehr stark und der Alltagsanteil, der überzeugt ist von dem, was er tut und schreibt, steht dann leider sehr stark unter Druck, sodass immer abgewogen werden muss, was auf unserem Blog geschrieben werden darf und was noch nicht. Aber schön zu hören, dass es bei dir einen so guten Verlauf genommen hat!

  4. Lieber Chamäleon,
    Danke für diesen Beitrag, der sich in mehreren Punkten mit unserer Erfahrung deckt. Auch wir gingen immer recht offen mit unserem "wir" sein um. Zumindest am Blog. Im Alltag sieht es anders aus. Und mit "ihr/euch" werden wir nur von unserer Liebsten angesprochen. Es schmerzt oft, wenn eben das abstrakt darüber sprechen möglich ist, aber die Ansprache in Mehrzahl und das im Leben einlassen dann eben nicht geht.
    Wir sind allerdings sehr viel weniger öffentlich, als du es bist oder ihr ward. Wir hatten eine Anfrage zu einem TV Beitrag, die wir nach kurzem Austausch nicht angenommen haben, weil wir dachten, hier will sich jemand auf unsere Kosten profilieren. Das war damals unsere Wahrnehmung und wir hatten nicht die Kraft und Möglichkeit uns zu schützen, wären wir in die Situation hineingegangen. Wir wollten zunächst viel offener umgehen und mussten dann die Anfeindungen erleben, die Natascha Kampusch hier in Österreich entgegen schlugen. Seither sind wir sehr wählerisch im uns öffnen.
    Es ist ein stetes abwägen, was kann ich wem sagen. Das finden wir aber sehr gesund. Uns hat auch immer interessiert, wo genau der Unterschied zwischen unserem DIS Erleben und der Wahrnehmung von Unos liegt. Wir wollten niemals eine Einzelstellung. Wo ein "natürlicher" ungezwungener Umgang wegen DIS nicht geht, gehen wir auf Distanz. …. Langsam gelingt es unserer Liebsten zu uns durch zu kommen. Und wir lieben und fürchten diese Nähe und das Loslassen unseres Misstrauens gleichermaßen. ….. Aber vielleicht gelingt es, Menschen nicht mehr als die größte Gefahr wahrzunehmen, irgendwann? Wir sind auf einem vorsichtigen Weg.
    Wir hoffen nun nicht ausgeufert zu sein. Falls doch, bitte verzeih. Einen Betrag bei uns am Blog zu dem Thema schaffen wir gerade nicht.

    Ganz herzliche Grüße
    "Benita"

    1. Hallo Benita,

      eines vorab: Nein, ihr seid nicht ausgeufert, und selbst wenn das mal der Fall sein sollte, ist es nichts, wo ein Verzeihen nötig wäre. Du und die deinen bringen ihre Meinung und Wahrnehmung immer auf sehr achtsame Weise herüber und nie als Angriff und da schätze ich dann besonders auch 'längere' Kommentare.

      Ich danke euch, dass ihr eure Erfahrungen hier so teilst. Sowohl darüber, dass es schmerzt, eine Ansprache in Mehrzahl (noch) nicht zulassen zu können – als auch darüber, dass ihr aufgrund der Erfahrungen achtsam abwägt, wo sich wem gegenüber geöffnet wird.

      Tatsächlich kann ich das mit dem TV-Beitrag mehr als nur gut verstehen. Ich habe im Laufe der Zeit mehrere Anfragen zu Reportagen und Interviews erhalten und ganz, ganz viele dann abgelehnt. Genau aus dem Grund, den ihr angebt: Oftmals hatte ich den Eindruck, dass es nicht um eine sachliche Information, sondern um 'Effekthascherei' gehen sollte. Ich glaube, dass diese Wahrnehmung real ist und nicht falsch. Wieso komme ich zu dieser Ansicht? Wenn mir als Frage unter anderem gesagt wird: "Kennen Sie noch jemanden, bei dem das offensichtlicher ist und man die Wechsel stark sieht?", dann schrillen bei mir die Alarmglocken.

      Daher halte ich es für wichtig, den richtigen Personen den Vertrauensvorschuss zu gewähren. Und dazu ist genaues abwägen und 'herantasten' wichtig. Ich persönlich habe das Gefühl, dass du da auf einem vernünftigen Weg bist.

Kein Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Ich stimme zu (Pflichtfeld)